Gastkolumne Peter J. Reichard- GEWALT GEGEN LEHRER an jeder 4. Schule – was nun?

 Peter J. Reichard
Das erschreckende Ergebnis der im Auftrag des VBE von Forsa durchgeführte Befragung von Schul-leitungen wird gegenwärtig verbreitet diskutiert: 26 % der befragten Schulleitungen berichteten 2016, dass es an ihren Schulen zu psychischer und sogar physischer Gewalt gegenüber Lehrkräften gekommen sei. 

Schweigende Opfer 

Natürlich greifen die Medien das heikle Thema auf und rufen damit verbreitete Aufmerksamkeit hervor. Das ist gut so, denn die Mehrzahl betroffener Lehrkräfte möchte sich selbst dazu aus verständlichen Gründen lieber nicht oder allenfalls anonym äußern. 

Gewalt im Alltag 

Warum die Hemmschwelle bei Heranwachsenden und sogar bei Eltern zu verbalen, medialen und physischen Attacken auf Lehrkräfte so dramatisch gesunken ist, hängt – so sehe ich es – mit vielerlei "Krankheiten" unserer Gesellschaft zusammen. Damit meine ich Anspruchsdenken, Egozentrik und Konsumverhalten. Diese Verhaltensweisen werden durch Medien und Werbung verschlimmert: Geldgier, Klickprämien und Einschaltquoten beflügeln die widerwärtigsten Angebote und lassen zu wenig Raum für qualitativ hochwertige Inhalte. 

Erdachte Gewaltdarstellungen in Krimis und Spielen wie auch detaillierte Berichte über tatsächliche Gewaltphänomene in den Medien beflügeln Gewaltfantasien und geben Gewalttätigkeiten den Anschein von Normalität. Die rohe Gewalt extremistischer Aktivisten, die Brutalität von Gewaltverbrechern, die Gaffer-Mentalität gegenüber Verunglückten, die Unterlassung lebensrettender Hilfeleistungen, das mangelnde Bewusstsein für die Notwendigkeit von Rettungsgassen, ja deren dreisten Missbrauch zum vermeintlich eigenen Vorteil, die Preisverleihung an gewaltverherrlichende Rapper – dergleichen trägt dazu bei, dass unerzogen orientierungslos Heranwachsende sich einen Spaß daraus machen, dergleichen auch selbst auszuprobieren. 

Gerade weil die Freude an der Aggression gegenüber Sachen, Lebendigem und Menschen pervers ist, ist aggressives Verhalten für Menschen attraktiv, denen es an anderen Erfolgen mangelt.

Anspruchsdenken der Gesellschaft 

Der heutigen Elterngeneration wurde zu ihrer Schulzeit als Ziel ihrer schulischen Bildung verheißen: "Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung". – Ersteres ist voll gelungen, das zweite in der Schule vernachlässigt, kaum verstanden und von vielen schon gar nicht akzeptiert. Darum gehen viele Eltern lieber ihrem Job und ihrem Freizeitvergnügen nach als sich um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern. Das sei doch Sache der Schule, postulieren sie. Und wenn die Schule sich dem Erfolg des eigenen Kindes nicht als förderlich erweist, dann aber! Elterliches Mitwirkungsrecht ist ja gesetzlich garantiert. Das Anspruchsdenken mindert die Unterstützungsbereitschaft: "Wieso denn ich?!" Zu dieser Einstellung passt es, Lehrkräften und Schulleitungen gegenüber sogar aggressiv aufzutreten. 

Scheinerfolge in Schulen 

Nicht was die Jugendlichen gelernt haben ist relevant, sondern was ihnen attestiert wird. Indem das Schulgesetz z.B. in NRW die individuelle Förderung gleichrangig neben Bildung und Erziehung als Schulauftrag definiert hat und die Lehrkräfte zur gerichtsfesten Dokumentation der individuellen Förderung im Fall von Minderleistungen verpflichtet, unterstützt die Politik entsprechende elterlichen Erwartungen sehr effektiv. Die Inflation von Bestnoten im Abitur sind ein Hinweis auf die Wirksamkeit des politischen Willens, die Abiturientenzahlen zu steigern. 

Während in den 50er Jahren Kinder vor Aufnahme an ein Gymnasium in einer Aufnahmeprüfung nachweisen mussten, dass sie lesen, schreiben und rechnen können, stellen heute Hochschullehrer erschrocken fest, dass etliche Abiturienten diese Grundfertigkeiten nicht hinlänglich beherrschen. Was unternimmt die Politik dagegen? 

Zuständigkeiten für Erziehung 

Wie ist dem beizukommen, wenn nun auch noch die Lehrkräfte verunglimpft oder verprügelt werden, die Heranwachsenden behilflich sein sollen, sich zu Persönlichkeiten zu entwickeln? Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen können es nicht verhindern. Denn ihr unmittelbarer Einfluss auf die Schülerinnen und Schüler ist gering und setzt erst ein, wenn ein unguter Vorfall eingetreten ist. Der Umstand, dass inzwischen an fast allen Schulen Sozialarbeiter oder Schulpsychologen eingestellt sind, signalisiert einerseits, dass es verbreitet kritische Situationen an Schulen gibt, denen sich Lehrkräfte und Schulleitungen nicht gewachsen fühlen. Sie sind andererseits Ergebnis eines verbreiteten Zuständigkeitsdenkens: Lehrkräfte sind danach für das Unterrichten, Schulleitungen für das Funktionieren der Schule und die Sozialarbeiter und Psychologen für pädagogische Problemsituationen zuständig. Und dann sind wir hierzulande vermeintlich Meister im Umgang mit Schwierigkeiten: Wir definieren solche Zuständigkeiten und ersinnen "angebrachte" Maßnahmen sowie Kontrollgremien und Verfahren zur Überprüfung ihrer Wirksamkeit. Wo aber bleibt der Erfolg? 

Aktionismus der Bildungspolitik 

Politiker scheinen zu glauben, es sei das Wichtigste, die Bildung durch gewaltige Investitionen zu fördern, z.B. in die Modernisierung der Schulen. Tafel und Kreide ade, die Whiteboards müssen durch Smartboards ersetzt werden. Und Schüler machen sich ein Vergnügen daraus, letztere dann so zu manipulieren, dass sie bis zur Reparatur durch einen Fachmann nicht mehr funktionieren. Der Rechtsanspruch aufs iPad lässt sich sogar von Hartz-IV-Empfängern geltend machen. In Büchern lesen – wie altmodisch! Sind die Schulen damit auf einem guten Weg? 

Anspruch und Wirklichkeit der Lehrerausbildung 

John Hattie hat mit seinen umfänglichen Metastudien eine Binsenweisheit zum Forschungsergebnis geadelt: "Auf den Lehrer kommt es an." Das heißt: Die Lehrerpersönlichkeit hat nachweislich den größten Einfluss auf die Entwicklung der Lernenden. Das wissen alle, die sich an ihre Schulzeit erinnern. Der unsympathische Lehrer konnte fachlich noch so perfekt sein, er erreichte die Mehrzahl seiner Schüler nicht. Der menschliche, vielleicht weniger perfekte aber doch sympathische Lehrer hingegen ist vielen nach Jahren noch als angenehm in Erinnerung – als einer, bei dem man gern gelernt hat. Je ausgeprägter die Lehrerpersönlichkeit, desto wirkungsvoller! Wie aber werden Lehrer ausgebildet: Die Bildungspolitiker erlassen Ausbildungsordnungen, in deren Zentrum die Planung, Durchführung und Reflexion von Unterricht stehen. "Nebenbei" kommen zugehörige Förder-, Beratungs- und Beurteilungsaufgaben zur Sprache. Aber die Persönlichkeitsbildung der Lehrer, ihr Verhalten im Umgang mit sich selbst, Schülern und Eltern sowie der Kompetenzerwerb im genuin pädagogischen Handeln kommt allenfalls marginal vor. Es fehle dafür einfache die Zeit, heißt es an den Seminaren. Es fehlt aber auch ein Konzept. Es fehlt an Traute, in einer multikulturellen Gesellschaft ein Erziehungskonzept für alle aufzustellen und zu vermitteln. Mit dem Aufhängen von Kreuzen in Klassenzimmern ist es - weiß Gott - nicht getan. 

„Wissenschaftlichkeit“ der Ausbildungsordnungen 

Die Kultus- bzw. Schulministerien berufen sich bei der Lehrerausbildung auf deren angeblich bewährte "wissenschaftliche Begleitung". Da gibt es viele einflussreiche Berater, die nach der eigenen Schulzeit keine Schule mehr von innen erlebt oder gar mitgestaltet haben. Aber sie tragen ehrfurchtgebietende akademische Titel. Derart hochqualifizierte Berater schaffen gedankliche Konstrukte auf hohem Abstraktionsniveau mit fachsprachlich verbrämten, umfänglichen Begründungen, die noch schwerer zu widerlegen als zu verstehen sind. 

Das ist Lobbykratie im Bildungsbereich, die mit ministeriellem Segen als integer hingestellt wird. So streift sich die mangelnde Sachkompetenz der Schuladministration die"Wissenschaftlichkeit" ihrer ausgewählten Berater als Mäntelchen über, das ihre Blöße verstecken und Einreden ungebetene Ratgeber nicht durchlassen soll. 

Kompetenzerwerb für Lehrer 

Worauf genau kommt es denn offenkundig beim Lehrer an: Auf sein Verhalten als Persönlichkeit! Er muss Selbstkompetenz entwickeln, die ihn befähigt, Heranwachsenden bei der Ausbildung eben dieser Fähigkeit behilflich zu sein, die sie zu Persönlichkeiten werden lässt. Das eigene Verhalten nicht nur rückblickend zu reflektieren, sondern sich die voraussichtlichen Wirkungen möglicher Verhaltensweisen bewusst zu machen, damit mögliche Entscheidungen abzuwägen und sich für eine verantwortbare Möglichkeit zu entscheiden, das lässt sich erlernen und üben. "Was ist gut für dich selbst, für dein Gegenüber und für die Umwelt – jetzt und künftig?", so lautet die Leitfrage der Bewusstseinsbildung. Zum Training von Lehrkräften im Selbststudium oder in Aus- und Fortbildung geeignete Konkretisie-rungen dieses Konzeptes sind Inhalt der beiden Büchern von Peter Denker "Schule des Bewusstseins – Ein pädagogisches Lesebuch" und "Schulen brauchen gute Lehrer – Verhaltensratgeber für Lehrer zum Umgang mit sich selbst, Schülern, Eltern, Kollegen und Chefs". Der pädagogisch versierte Autor hat Schulen aus unterschiedlichsten Perspektiven kennengelernt und aktiv mitgestaltet. 

Bewusstseinsbildung bietet Schutz

Das Konzept der Bewusstseinsbildung befähigt Lehrkräfte, sich so zu verhalten, dass sie keine Attacken zu befürchten haben und dass sie, wenn es trotzdem dazu käme, souverän damit umzugehen verstehen. Sie behalten damit die Vorbildfunktion, aus der heraus sie Orientierung gebend erzieherisch wirken. Und diese Wirkung beschränkt sich nicht auf Krisenintervention, Nachsorge und abstrakte Präventivkonzepte wie bei Schulpsychologen und Sozialarbeitern. Vielmehr wirkt die umfängliche Präsenz der Lehrkräfte begleitend-vorbeugend und situativ-unmittelbar bei Vorkommnissen in und außerhalb von Unterricht, die erzieherisches Einwirken fordern. Der als "Entwicklungshelfer" seiner Schüler ausgebildete Lehrer soll und will seine pädagogische Zuständigkeit nicht aus der Hand geben.

Vielmehr ist es seine genuine Aufgabe, nicht nur guten Unterricht zu erteilen, sondern dabei auch spürbar zu machen, dass seine Schüler ihm lieb und wichtig sind. Das ist umso bedeutsamer, als leider viele Eltern eben dies ihren Kindern nicht bieten. Das Konzept der Bewusstseinsbildung schließt auch eine intensive Elternarbeit an Schulen ein. Wo diese nicht angenommen wird, sind die Lehrer für sehr viele Heranwachsende die einzigen Erwachsenen, die auf sie einen guten Einfluss ausüben können, solange Schulpflicht besteht. Und damit ruht auf den Lehrerpersönlichkeiten die Hoffnung, dass es auch künftig in unserer Gesellschaft immer weniger "Ausreißer" geben wird, die sich noch so liebenswürdiger Anleitung verweigern. Die meisten Schulabsolventen aber entwickeln sich durch Bewusstseinsbildung zu Persönlichkeiten, denen zu begegnen Freude macht. Diese Vision hat den Autor Peter Denker motiviert, seine pädagogischen Erfahrungen in seinen Büchern zu publizieren. Mögen sie zunehmende Publizität erlangen!

Gastkolumne Raimund Schöll: Randnotiz #Pöbelei

 Raimund Schöll
Pöbelei - in sozialen Netzwerken, in Fußgängerzonen und seit neuestem auch in den Parlamenten. Wutentbrannte Gesichter und schrille Tonträger, die sich aus der Daueraufregung gegen andere zu nähren scheinen.

Worum geht es da?

Das fragt man sich, das frage ich mich bisweilen. Das Pöbeln hat das Überraschungsmoment, die Aggression auf seiner Seite.

Pöbeln heißt Angriff - Krieg mit Kraftworten, könnte man auch sagen. Richtig bepöbelt werden meistens Personen. Ideen allein jedenfalls nur selten.

Wesentlich scheint mir die Verknüpfung des Pöbelns mit einem Denken des Oben und Unten. Der Pöbler katapultiert sich mangels Argumente mit seiner Pöbelei gefühlt in eine erhabene Position, in den Hochstatus gleichsam, während der Bepöbelte scheinbar seines Platzes verwiesen und in den Tiefstatus geschickt wird. Klein sollst du werden, du Geselle, der du mir vorher so übermächtig warst!

Der Pöbler überwindet mit der Technik des Pöbelns sich selbst und vorübergehend das Gefühl der Kleinheit. Das Pöbeln ermöglicht dem Pöbler einen emotionalen Fahrstuhleffekt. Der Pöbler fährt sich gewissermaßen selbst ins oberste Stockwerk einer gefühlten Hierarchie und überwindet so seine enge Sphäre. Meist mit Gleichgesinnten an seiner Seite, seiner Bande, erzeugt er eine Art Höhenrausch.

Wenn auch dieser naturgemäß nur ein großes Wolkenkuckucksheim ist. Und es gibt sie inzwischen zuhauf - die vielen Dauerpöbler. Sie brauchen den täglichen Pöbeltrip in möglichst hohen Dosen. Bloß nicht vom Höhenrausch herunter kommen, scheint das Leitmotiv. Die nüchterne Wirklichkeit ist längst zur Zumutung geworden.

Raimund Schöll


RAIMUND SCHÖLL 

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Gastkolumne Peter Denker: Kinderstreit schlichten

 Peter Denker
Der Autor  Peter Denker hat Schulen aus unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt und  zwar als Abiturient, Lehramtsstudent, Praktikant, Referendar, Vater von drei Kindern, Gymnasiallehrer, Fortbildungsmoderator für "Schulentwicklung", Schulaufsichtsbeamter, Schulleiter und Autor von pädagogischen Publikationen.  Hier nun seine erste Gastkolumne auf " Buch, Kultur und Lifestyle".

Bewusstseinsbildung kann auch im Elternhaus praktiziert werden. Ein Kapitel des Buches "Schule des Bewusstseins" zeigt auf, wie es einer Mutter gelingt, den Streit ihrer Kinder aus alltäglichem Anlass beispielhaft zu schlichten. Einfach und authentisch entlarvt sie Verallgemeinerungen und verlangt Konkretisierungen, macht ihre Haltung und Gefühle verständlich, regt zum Perspektivwechsel an, erteilt einen hilfreichen Suchauftrag, hält die Kinder zu skeptischem Nachfragen an und führt sie zu einer für das künftige Verhalten hilfreichen Absprache. Eine gelungene Mediation - so entnommen dem Buch "Schule des Bewusstseins": Vielleicht zur Diskussion auf Elternabenden, bestimmt zu Lektüre, Gedankenaustausch und Nachahmung für Eltern. 

Der Streit 

Hanna: "Du hast mir mein Mäppchen geklaut." 
Paul: "Stimmt gar nicht."
Hanna: "Das hast du ja schon oft gemacht." 
Paul: "Du weißt ja bloß wieder nicht, wo du es vermasselt hast." 
Hanna: "Du willst mich immer bloß ärgern." 
Paul: "Du schiebst immer alles auf mich." 
Hanna "Du lügst." 
Paul: "Du spinnst." 
Hanna: "Du Lügner!" und eine Backpfeife. 
Paul: "Jetzt reicht es!" und ein Schlag zurück. 
Die beiden prügeln auf einander ein. - 
Nach geraumer Zeit flüchtet Hanna heulend zur Mutter: "Paul hat mich verhauen." 
Mutter: "Paul, komm mal her." 
Paul: "Nein." 

Versachlichung 

Die Mutter überlegt, ob sie das hinnehmen oder sich durchsetzen soll. Sie will Hannas Kummer aber nicht allein anhören. Vielmehr soll auch Paul das mithören. Also sagt sie: "Komm, Hanna, lass uns mit Paul reden." So geht sie mit Hanna zu Paul. Hanna schluchzt mitleiderregend. 
Paul sagt mit abweisend-verächtlicher Miene zur Mutter: "Die hat angefangen." 
Dann Hanna jammernd: "Stimmt gar nicht, der Paul hat mir mein Mäppchen geklaut." 
Daraufhin die Mutter: "Hanna, du sagst etwas über Paul. Sag doch bitte erst einmal etwas über dich selbst und darüber, was dir Kummer macht." 
Hanna weinerlich: "Der hat mich verhauen." 
Mutter: "Auch damit machst du ja Paul einen Vorwurf". Beschreib es doch einmal so, dass du nur etwas über dich selbst und dein Mäppchen sagst. Und lass Paul daraus einfach weg." 
"Und was soll das?", entgegnet Hanna schnippisch. 
Die Mutter: "Bitte versuch es doch. Du wirst sehen, dass es dir nützt." 
Hanna verdreht die Augen: "Die Sache ist doch klar: Paul hat mich beklaut und verhauen und du willst ihn bloß in Schutz nehmen." 
Die Mutter schaut Hanna liebevoll an: "Glaubst du wirklich, dass ich Paul lieber habe als dich?" "Nein, Mama", antwortet Hanna kleinlaut.
 Jetzt die Mutter: "Dann lass uns doch mal prüfen, ob die Sache wirklich so klar ist, wie du meinst. Was war denn mit dir und dem Mäppchen - ohne Paul?" 
"Mein Mäppchen ist weg", antwortet Hanna. 
"Das ist eine ganz sachliche Feststellung, die keinen verletzt; gut Hanna!" 

Verallgemeinerungen 
"O doch, Mama: Mich!", widerspricht Hanna,"denn Paul hat es weggenommen oder versteckt, um mich zu ärgern." 
"Eben sagtest du noch, er habe es geklaut, jetzt meinst du, er könnte es vielleicht bloß an sich genommen oder versteckt haben, ja?", fragt die Mutter nach. 
Hanna: "Ähm, na ja, vielleicht." 
Darauf die Mutter: "Du bist dir also nicht ganz sicher?"
Hanna: "Eigentlich doch, weil Paul mir schon oft was weggenommen hat, um mich zu ärgern." 
Paul macht Anstalten sich zu verteidigen. 
Die Mutter: "Lass mal, warte ab, Paul, ich möchte erst Hanna noch etwas fragen." Und zu ihr gewandt: "Weil das schon vorgekommen ist, meinst du, es sei diesmal ebenso?" 
Hanna: "Genau!" 
Die Mutter: "Kannst du da ganz sicher sein?" 
Hanna überlegt. Paul wirft ein: "Siehst du, Mama, das kann sie gar nicht, weil es nämlich gar nicht stimmt. Aber so ist Hanna immer." 
"Ach Junge", entgegnet die Mutter, "jetzt verhältst du dich gegenüber Hanna genauso wie du es ihr vorwirfst. Jeder von euch beiden sagt, weil er es manchmal so erlebt habe, sei es gewiss immer so." Paul und Hanna im Chor: "Ist es ja auch!" 
Die Mutter und Paul schauen sich an und finden das so komisch, dass sie gemeinsam darüber lachen. Hanna stutzt erst einmal darüber, erkennt den Witz und lacht dann mit. 

Eskalation

"Damit Hanna sich nicht vorkommt, als ob sie sich verteidigen müsste, bitte ich ebenso dich, Paul: Beschreib bitte den Anlass für euren Streit, indem auch du nur etwas über dich und nichts über Hanna dazu sagst."
 "Ich fühle mich zu Unrecht beschuldigt", antwortet Paul nach einigem Überlegen, und schiebt nach, dass er das Mäppchen wirklich nicht weggenommen habe.
"Aber dann hat er mir gleich eine gescheuert", wirft Hanna ein.
Paul: "Nein, Mama, das stimmt nicht. Erst gab nämlich ein Wort das andere. Und indem mich Hanna 'Lügner' schimpfte, hat sie mir zuerst eine gelangt. Dagegen habe ich mich gewehrt: Indem ich ihr zurief 'Jetzt langt's! ', hab ich ihr dann auch eine verpasst."
"Ja, und dann habt ihr munter weiter Krieg gespielt, bis Hanna zu mir flüchtete", stellt die Mutter mit Traurigkeit in ihrer Stimme fest und fragt: "Seht ihr denn jetzt wenigstens, wie es dazu gekommen ist, dass ihr die Sache nicht mit Worten klären konntet?"
Hanna und Paul spüren, dass die Mutter sie beide für mitschuldig hält und sich wünscht, sie hätten sich nicht geprügelt.

Betroffenheit

"Du musst doch zugeben, Mama, dass ich mich nur gewehrt habe", betont Paul seine mindere Schuld. "Ich muss gar nichts zugeben, was dir, Hanna, oder dir, Paul, mehr oder weniger Recht gibt. Ich war ja nicht dabei. Jeder von euch beiden versucht, sich mir gegenüber als Opfer darzustellen. Das überzeugt mich nicht. Ich halte nämlich auch keinen von euch beiden für böse. Aber euer beider Verhalten finde ich nicht gut", erklärt die Mutter.
"Was meinst du denn damit?", ertönt es von Hanna und Paul wieder im Chor.
 Die Mutter greift zur Gegenfrage: "Was glaubt ihr wohl, wie ich mich fühle, wenn meine Kinder sich prügeln?"
Wieder sind die beiden Kinder sich einig: "Das hat doch gar nichts mit dir zu tun!"
"Oh doch, lasst es euch erklären: Ich mache mir Sorgen, dass ihr auch als Erwachsene einen Streit bis zur Gewaltanwendung steigert, statt ihn durch Übereinkunft zu beenden, wenn ihr das als Kinder nicht gelernt habt", sagt sie ernst.
Und darauf Paul: "Aber Mama, wir sind doch noch Kinder."

Schlichtungsabsicht
"Ja, eben, Kinder", antwortet die Mutter, "wenn ihr es jetzt nicht bei mir lernt, wo ich euch beide lieb habe, wann denn dann? Die Erwachsenen lernen viel schwerer und manche wollen es gar nicht mehr. Eure Kindheit ist die Zeit, in der Euch das Lernen leicht fällt und nicht weh tut. Denn jetzt habt ihr Lehrer und Eltern, denen eure Lernfortschritte wichtig sind und die euch dabei lieb haben. Ich wünsche mir von euch, dass ihr mit meiner Hilfe nach einem guten Ausweg aus dem Streit sucht. Ein Ausweg ist gut, wenn er statt in einer Prügelei in einer Absprache endet, die ihr beide annehmen könnt."
"Sag mal, Mama, was ist das: eine Übereinkunft oder eine Absprache?", will Hanna erklärt bekommen.
Mit der Vertröstung "Das werdet ihr gleich noch selbst herausfinden" vermeidet die Mutter eine abstrakte Begriffserklärung.

Entschuldigung "Und wie kommen wir nun dazu?", fragt Paul nach.
"Du hast gesagt, Paul", wendet sich die Mutter ihm zu, "du fühlst dich zu Unrecht beschuldigt, hast also Hannas Mäppchen nicht weggenommen."
Paul: "Ja, genau."
"Und du, Hanna glaubtest, Paul habe es doch getan?"
"Ja, genau", antwortet auch Hanna.
Die Mutter: "Hast du denn heute bei Paul irgendetwas beobachtet, was für deine Vermutung spricht?" Nach längerem Zögern räumt Hanna ein: "Nein, heute eigentlich nichts."
"Und wieso nur 'eigentlich'?", fragte die Mutter nach.
Hanna: "Nun ja, ich kann ihn ja nicht andauernd im Blick haben."
Die Mutter: "Weil er dir früher mal was gemopst oder versteckt hat und weil es möglich wäre, dass er es heute wieder gemacht haben könnte, glaubst du, er hat es heute bestimmt wieder getan?"
Hanna kleinlaut: "Ach Mama, sicher bin ich mir jetzt nicht mehr, aber vorhin war ich davon überzeugt."
Die Mutter: "Das weiß ich schon, Hanna. Aber du solltest es Paul erklären und ihn fragen, ob er das annehmen kann."
Hanna zu Paul: "Muss ich das jetzt nochmal sagen?"
Paul zu Hanna: "Nee, ist schon gut so. Wenn das 'ne Entschuldigung sein soll, nehme ich sie an."

Später Wunsch
"Das finde ich prima", lobt die Mutter, "aber wir sind ja noch nicht fertig."
"Was denn nun noch?", sind Hanna und Paul sich wieder einig.
"Zweierlei fehlt noch: Erstens Hannas Mäppchen und zweitens, wie ihr künftig solchen Streit vermeiden könnt."
Und zu Hanna: "Wo hast du denn vorhin danach gesucht?"
"Überall, Mama", übertreibt Hanna.
Darauf die Mutter lächelnd zu ihr: "Dann sag mal, wo du überall gesucht hast, Hanna."
Sie antwortet: "Natürlich im Schulranzen, auf und unter dem Schreibtisch, im Regal und sogar auf dem Bett. Ich glaube nicht, dass es noch hier im Zimmer ist."
Darauf Paul: "Also ich habe es nicht in der Hand gehabt und schon gar nicht versteckt."
Hanna zu ihm: "Würdest du mir denn beim Weitersuchen helfen, Paul?"
Paul: "Das hättest Du mich besser gefragt, bevor du mir in die Schuhe geschoben hast, ich hätte dir das Mäppchen geklaut."
Hanna kleinlaut: "Stimmt."

Hilfreicher Tipp

Paul: "Gut, dann können wir ja mal gucken, wo du das Teil selbst versteckt hast"
Hanna. "Mama, wo würdest du zu suchen anfangen?"
Die Mutter: "Wo die Unordnung am größten ist."
Hanna: "Bei mir ist keine Unordnung,
Mama: "Mein liebes Kind, schau dir doch mal deinen Schreibtisch an; gehört denn der Schulranzen auf den Tisch? Und wie liegen da Bücher, Haushefte, Zettel und Zeichenzeug durcheinander!"
"Ach es ist aber auch wirklich schwer, es dir recht zu machen, Mama."
Derweil hebt Paul Hannas Schulranzen hoch und triumphiert: "Guck mal, Hanna, was hier liegt!" "Oh ha", sagt Hanna verlegen, "da hab ich vorhin nicht nachgeschaut."

Einsicht

"Na also, damit hat sich die Sache mit dem Mäppchen ja endlich geklärt. Bleibt die Frage, was ihr beide daraus jetzt gelernt habt, um künftig so blöden Streit zu vermeiden", resümiert die Mutter. Zu Hanna: "Fang du mal an."
"Bestimmt willst du mir wieder mal einbläuen, dass ich mehr Ordnung halten muss", entgegnet Hanna fast trotzig.
Die Mutter klärt: "Ach, Hanna, das hilft zwar, Gesuchtes leichter zu finden, aber nicht Streit zu vermeiden. Überleg doch mal, womit du Paul so auf die Palme gebracht hast."
Hanna leise: "Ich hatte geglaubt, Paul hätte mir das Mäppchen weggenommen."
Darauf Paul: "Statt mir das vorzuwerfen, hättest du mich besser gleich gefragt, ob ich dir suchen helfe."
Nun Hanna: "Ja Paul, entschuldige bitte."
Und Paul: "Hab ich doch vorhin schon."

Zwei Lehren

"Dann ist ja alles geklärt bis auf die Frage, was eine Übereinkunft oder Absprache ist. Dazu möchte ich dich, Paul, fragen, was du dir für die Zukunft von Hanna wünschst, damit so was nicht wieder passiert."
Paul: "Die soll mal nicht so schlecht von mir denken."
Die Mutter: "Dann sag doch Hanna, was sie tun oder lassen sollte, damit du nicht das Gefühl bekommst, sie dächte schlecht von dir."
"Also", antwortet Paul langsam und mit faltiger Stirn, "Hanna sollte sich selber fragen, ob stimmt, was sie glaubt, bevor sie es sagt." "
Und was meinst du dazu, Hanna?", fragt sie die Mutter.
"Das fällt mir aber schwer. Wenn ich doch von etwas überzeugt bin, warum sollte ich es denn bezweifeln?", wendet sie ein.
"Keiner behauptet, dass das leicht ist. Aber dass es nützlich ist, zeigt sich an der Sache mit dem Mäppchen. Wer eine Vermutung hat, sollte sie prüfen, bevor er sie äußert. Das hat Paul eben wunderbar erkannt und ausgedrückt."
"Davon allein kann man es doch aber noch nicht", wendet Hanna ein.
"Das stimmt, Hanna. Man muss es bei jeder Gelegenheit üben. Und dabei können wir uns gegenseitig helfen, indem wir einander einfach fragen: ‚Bist du ganz sicher?' - Und ein zweites habe ich dich vorhin gebeten: Beschreibe, was dir am Herzen liegt, ohne einen andern zu beschuldigen oder zu verurteilen. Denn damit sind wir vorhin auch weiter gekommen."

Ergebnis "Und was ist jetzt die 'Übereinkunft' oder 'Absprache'?", will Paul noch wissen. "

Du hast schon gesagt, was du, Paul, dir von Hanna für die Zukunft wünschst. Nun, Hanna, was wünschst du dir denn von Paul?"
"Dass er nicht aufbraust, wenn es mir nicht auf Anhieb gelingt."
Die Mutter: "Ist das für euch beide so in Ordnung?"
Noch einmal antworten beide im Chor: "Ja, ok". "Seht ihr, das ist jetzt eure Übereinkunft oder Absprache. Haltet sie ein und erinnert euch daran, wenn es nötig wird. So könnt ihr in Zukunft Streit vermeiden."

Peter Denker  

Hinweis Handlung und Leitgedanken dieses Kapitels sind in der Buchdokumentation beschrieben.

Link zur Homepage:http://publicationes.de/


Gastkolumne Thomas Stiegler: "Was ist heute der Nutzen von Dichtung?"

 Thomas Stiegler
"Was ist heute der Nutzen von Dichtung?" Das ist eine Frage, die darum nicht weniger stichhaltig ist, weil sie von so vielen Dummen herausfordernd gestellt oder von so vielen Einfältigen apologetisch beantwortet wird (R. v. Ranke-Graves) 


Diese Zeilen beschäftigen mich nun schon seit Jahren. Ich habe Gedichte immer nur als nettes Beiwerk der Literatur betrachtet und meine Zeit lieber mit dicken Wälzern wie "Krieg und Frieden" verbracht.

Trotzdem spürte ich immer eine leise Stimme, die darauf beharrte, dass in Gedichten ein Geheimnis liegt, das sich mir einfach noch nicht erschlossen hat. Und daher begann ich mir selbst einige Fragen zu stellen.

Was unterscheidet lyrische Texte von anderen Arten der Übermittlung? Warum berühren uns Gedichte, und an welchen Stellen? Und wenn wir Gedichte brauchen, wovon ich mittlerweile überzeugt bin, warum, und wozu dienen sie uns?


Was jedem auffällt ist die starke Veränderung, die unsere Sprache gerade durchmacht.

Natürlich ändert sich Sprache permanent und passt sich an die neue Lebensumwelt der Menschen an. Aber heute geht es nicht mehr nur darum, sondern vielmehr um einen dramatischen Verfall unserer Sprache.


Viele Menschen halten das für ein "Kassandra-Geschrei". In ihren Augen ändert sich zwar die Sprache, aber sie glauben, dass dies dieselbe Entwicklung sei wie wir sie seit mehr als 2000 Jahren kennen.

Aber sie irren sich, denn sie verwechseln die Quantität der gebrauchten Worte mit der den Worten innewohnenden Qualität. Sie beziehen sich immer nur auf die Verwendung der Sprache für Dinge im Außen, für die Verständigung über technische Vorgänge oder die Verbreitung von Informationen.

Und auf diese Aspekte bezogen stimmt es vielleicht sogar, dass hier ein normaler Wandel geschieht und sich die Sprache an eine neue Umwelt anpasst.


Kommunikation ist aber weit mehr als das. Viel wichtiger ist die Frage inwiefern sie es schafft, abstrakte Gedanken zu übermitteln und innere Vorgänge auszudrücken.

Inwieweit es durch Sprache möglich ist neue Gedankenräume zu erschaffen, neue Arten des Denkens und Fühlens und eine neue Sicht auf uns selbst als Mensch in dieser Welt zu entdecken.


Und unter diesem Gesichtspunkt stehen wir vor einer besorgniserregenden Entwicklung.

Denn Sprache ist immer ein Abbild ihrer Zeit. In unserer scheinen die wichtigsten Dinge Geld, Macht und Technik zu sein, und deshalb entwickelt sich unsere Sprache zwangsläufig in eine Richtung um diesem Weltbild gerecht zu werden.


Aber durch diese reduzierte Sicht auf die Welt beschneiden wir sie um ihre wichtigste Aufgabe und uns selbst um die Möglichkeit, mit den urmenschlichsten Problemen wie Liebe oder Einsamkeit auf eine produktive Art umzugehen. 


Dadurch kann das geschehen, was Cornelia Jentzsch einmal beschrieben hat: "Als ich angefangen habe, über das Leben nachzudenken, haben mir die Worte gefehlt."

Und genau darum geht es. Wenn wir die Worte verlieren, wenn wir eine nuancierte Sprache verlieren, dann werden wir nicht mehr über eine Welt außerhalb der sichtbaren Realität nachdenken können. 


Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch den Verlust unserer Buchkultur und ihre Ablösung durch die modernen Massenmedien.

Ich habe an anderer Stelle schon genauer darüber geschrieben, daher will ich im Folgenden nur zeigen wie drei verschiedene Medien einen je eigenen Zugang zu differenzierten Gedanken und Gefühlen ermöglichen oder verhindern.


Der Film ist ein Medium, in dem es in erster Linie um bewegte Bilder geht. Der Text kann wichtig sein, bleibt aber immer sekundär.

Eines der großen Probleme dieses Mediums ist, dass Filme nur eine kurze Zeitspanne haben um die Menschen zu erreichen. Deshalb müssen Gefühle und Gedanken so dargestellt werden, dass man sie sofort erkennt und versteht und das führt zwangsläufig zu einer stark vereinfachten und oberflächlichen Darstellung.

Prosa ist weit besser geeignet, um Gefühle darzustellen und sie für sein Leben fruchtbar zu machen.-

Der Fokus liegt bei dieser Art von Texten auf einer Handlung, in der die Gefühle und Gedanken eingebettet sind. Deshalb ist dieses Medium wie kein zweites dafür geschaffen, diese beiden zueinander in Beziehung zu setzen, in Sprache zu transformieren und uns die Möglichkeit zu geben, sie in unser Leben zu integrieren.

Aber durch die Abhängigkeit von einer Geschichte erreichen diese Texte selten den Punkt an dem sie über das Sagbare hinausgehen müssten.


Und an dieser Stelle habe ich endlich den Sinn von Gedichten verstanden.

Gedichte machen diesen Schritt, hinaus in Sphären die man nur noch erahnen. aber nicht mehr in Worte fassen kann, die aber trotz allem real sind und für unser Menschsein von enormer Wichtigkeit.


Ein gutes Gedicht besitzt eine „innere Schönheit“, und durch die Kraft seiner Sprache kann es unseren Verstand befreien und für einen Augenblick mit einer anderen Welt in Verbindung bringen.

Gedichte haben die Möglichkeit zwischen den Worten einen Blick auf das zu erhaschen, was sich durch Sprache nicht mehr ausdrücken lässt.


Sie können auch feinste Nuancen ansprechen und, was noch wichtiger ist, Dinge andeuten, die man nicht mehr aussprechen, aber durch die Kraft ihrer Worte nachempfinden kann. Gedichte setzen Dinge zueinander in Beziehung, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, aber für einen Augenblick zueinander sprechen können.


Deshalb erscheinen sie manchmal unlogisch, sie scheinen abzudriften, sich zu wiederholen und schwer fassbar zu sein. Aber das ist mehr als nur ein Narzissmus des Poeten. Es dient diesem besonderen Zweck, uns aus unserer Zeit herauszureißen und kurz über uns hinaus wachsen zu lassen.

Dadurch geben Gedichte dem Inneren eine Stimme. Sie geraten an die Grenze dessen was sich mit Worten sagen lässt und manchmal darüber hinaus.


Gerade deshalb können sie uns als Schutzschild gegen die heutige Zeit mit ihrer Dauerbeschallung aus Unterhaltung, fremden Gedanken und Meinungen dienen. Nicht um der Realität zu entfliehen, sondern um in unserem Inneren einen Ort der Menschlichkeit zu bewahren, einen Ort der Stille und Imagination, damit dort Inspiration und Liebe wachsen können.

Thomas Stiegler

Gastinterview: Arno von Rosen im Gespräch mit Sören Bartol, Teil 2.

 Sören Bartol
Das erste Gespräch (siehe Post weiter unten) fand am 15. November 2017 statt und war bereits wenige Tage später durch die Beendigung der Jamaika-Gespräche seitens der FDP in Teilen überholt. So haben wir uns für den 16. Dezember erneut verabredet, direkt nach der Rückreise Herrn Bartols aus Berlin, wo am Vorabend eine Präsidiumssitzung stattfand, um sich über die Sondierungsgespräche mit der CDU/ CSU auseinanderzusetzen. Ich betrete das Büro und sofort fällt mir auf, dass der lebensgroße Parteivorsitzende Schulz nicht mehr als Pappaufsteller den Eingangsbereich ziert. Nur eine Randnotiz und sicher psychologisch diskutabel, aber ich will keine Geister rufen, die eventuell nicht vorhanden sind, also konzentriere ich mich aufs Gespräch, doch die Perspektive und die Fragen haben sich geändert, da die SPD nun doch möglicherweise mit in einem Regierungsboot sitzen könnte. Ob darauf dann "Mayflower" oder "Titanic" geschrieben steht, wird erst die Zukunft zeigen.

"Herr Bartol, wie stehen Sie zu der Causa Christian Schmidt und dem durchwinken von Glyphosat?"

Sein entspanntes Gesicht scheint zu verraten, dass diese Begebenheit ausgiebig in den SPD Reihen diskutiert wurde.

"Ich gehe davon aus, dass Herr Schmidt in einer zukünftigen Regierung keine Ministerfunktion mehr ausübt. Dies wird dann sicher eines der Ziele von Horst Seehofer in Berlin sein. Das ist dann Sache der CSU"

"Also war diese Aktion in Brüssel ein Abschiedsgeschenk von Minister Schmidt für das Unternehmen?"

Bartol zuckt mit den Schultern und nickt andeutungsweise.

"War es dann klug bei Markus Lanz aller Welt zu versichern, es gäbe dahingehend keinerlei Pläne und noch zusätzlich die beleidigte Leberwurst zu geben?"

"Sicher nicht, aber die Angelegenheit "Schmidt" fällt nicht in mein Ressort."

Der beredsame Politiker bleibt einsilbig, aber sicher wird Schmidt wieder durch die Presselandschaft geistern, sobald er einen Lobbyposten in der Wirtschaft bekleidet und wir dürfen gespannt darauf warten wo das sein wird.

"Ihr Präsidium hat gestern den Sondierungsgesprächen geschlossen grünes Licht erteilt. Können Sie verstehen, dass die Bürger nur noch genervt sind von den Dauerverhandlungen?"

"Ja, aber daran war die SPD nicht beteiligt."

"Trotzdem schiebt jetzt jede Partei ihnen den Schwarzen Peter zu, auch, weil die SPD 15 Minuten nach schließen der Wahllokale jede Regierungsbeteiligung und damit verbundene Gespräche abgelehnt hat. Hatten Sie nicht mit dem Scheitern von Jamaika gerechnet?"

"Ich hatte es vermutet."

"Das sind doch alles Profis, wie konnte daraus so ein Fiasko entstehen?"

"Da gab es keine Profis, bis auf Trittin, aber die haben die Sache schon völlig falsch angefangen, denn alleine bei den Sondierungsgesprächen wurde ein dicker Katalog mit Themen erstellt.

"Sie meinen es gab eine Art Koalitionsverhandlung, obwohl es nur Sondierungen waren?"

"Genau. In den Gesprächen geht es lediglich darum die Punkte jeder Partei festzustellen, die denen wichtig sind und daraus kann man dann ersehen, ob Koalitionsverhandlungen sinnvoll sind."

"Bei der SPD wird es also keine Indiskretionen geben, wo jeder Gesprächsstand sofort den Medien mitgeteilt wird?"

"Bei den Treffen der Spitzenleute sicher nicht und wir werden auch nicht vom Balkon winken und Nachrichten per Twitter verbreiten."

"Nächste Woche am 20. Dezember soll dann die Entscheidung über Sondierungsgespräche zwischen CDU/ CSU und SPD fallen. Steht das Ergebnis nicht schon fest und es wird auf jeden Fall zu Verhandlungen kommen?"

(Natürlich ist dies bereits wieder Vergangenheit und die Verhandlungen bewegen sich auf mögliche Koalitionsgespräche zu)

"Nein wir werden ergebnisoffen in die Sondierungen reingehen, ohne jegliche rote Linien, so wie die anderen Parteien auch."

"Was ist mit den roten Linien von der CSU?"

"Da gibt es ebenfalls keine."

"Gestern hat Herr Seehofer der Presse mitgeteilt es gäbe weder Verhandlungen oder Gespräche ohne die CSU, egal ob mit der SPD oder der Schwesterpartei CDU, falls damit der Wahlkampf in Bayern betroffen sei und Angela Merkel stand daneben. Das ist für mich bereits eine rote Linie und sogar eine Androhung."

"So ist eben die CSU, aber das ist da immer so gewesen."

"Immerhin hat der Königsmörder Markus Söder doch sein Ziel, Horst Seehofer abzulösen, erreicht. Ist es da hilfreich im TV zu sagen, dass es bei allen Verhandlungen nichts geben würde, was einer CSU bei den eigenen Landtagswahlen schadet?"

"Natürlich nicht und mit dieser Einstellung kann die Landtagswahl auch für Söder zum Problem werden."

"Immerhin ist Ihr Parteivorsitzender erheblich ruhiger mit seinen Aussagen geworden, was die zukünftigen Gespräche angeht. Will die SPD nun doch regieren?"

"Darum geht es derzeit nicht, sondern wirklich nur um Sondierungsgespräche"

"Entschuldigung, ich muss mich wohl an die neue SPD gewöhnen, die sich nicht sofort selbst in Diskussionen zerfleischt."

"Bei der SPD Spitze jedenfalls nicht, was aber nicht heißt, dass die Basis da ganz andere Vorstellungen hat, die sind nach wie vor mehrheitlich gegen eine Regierungsbeteiligung der SPD. Doch dies ist für mich gelebte Demokratie. Nicht einer an der Spitze sollte alles entscheiden, sondern es ist gut, wenn es innerhalb einer Partei lebendige Diskussionen über mögliche Ziele und Vorgehensweisen gibt. Das sehe ich bei anderen Parteien nicht so ausgeprägt, mir aber gefällt das."

"Ist es nicht gefährlich auf Neuwahlen zu spekulieren? Bei manchen Parteien beschleicht einen das Gefühl, es wird dahingehend gepokert, um doch noch mehr Wählerstimmen zu erhalten. Bei der SPD ebenfalls?"

"Absolut nicht, aber wenn unsere Gespräche mit der Union scheitern, gibt es Neuwahlen."

"Na ja, so einfach ist das auch nicht, da gibt es viele Schritte zu erledigen, zum Beispiel erneute Gespräche mit dem Bundespräsidenten."

"Die Hürden für Neuwahlen sind bewusst hoch, damit nicht so lange gewählt wird, bis irgendjemand das Ergebnis gefällt. Wir wollen keine Neuwahlen und wir sind uns bewusst, dass die 20 Prozent der Wähler, die uns ihre Stimme gegeben haben denken, "macht etwas daraus!" Denen ist herzlich egal was mit der SPD wird, die möchten nur eine handlungsfähige Regierung und das ist unser Auftrag, selbst wenn es in der Öffentlichkeit heißt, dies wäre schlecht für unser Land oder für die SPD."

"Dann gehen wir doch einmal Themen an, die vielen Menschen in Deutschland auf den Nägeln brennen."

 Sören Bartol
Bartol strafft sich und wirkt hochkonzentriert.

"Ein leidiges Thema ist die fortwährende Dieselaffäre. Weder gab es ein Gesetz, welches Sammelklagen zulässt, noch ist irgendwie geklärt, wer auf den gesamten Kosten sitzen bleibt. Findet da gerade eine gigantische Fahrzeugentwertung statt?

"Es gibt schon die Möglichkeit sich Klageanwälten anzuschließen, die viele Mandanten auf einmal in dieser Sache vertreten, aber das ist natürlich nicht dasselbe wie eine Sammelklage, denn dafür müssten neue Gesetze her und die sind derzeit nicht mit der Union zu machen." (Stand 16.12.17)

"Die Schuld für mögliche zukünftige Fahrverbote in Städten tragen aber nicht die Autobesitzer, sondern die Konzerne. Warum sollte der Schaden also zu Lasten der Bevölkerung gehen?"

"Die manipulierten Fahrzeuge bekommen ja schon kostenlose Updates und sind damit besser."

"Besser sind die Fahrzeuge deshalb nicht, lediglich die Verschleierungssoftware wurde entfernt. Der Dreck bläst weiterhin aus dem Auspuff und es droht auch trotz der neuen Software ein Fahrverbot in Städten."

"Wir müssen auf jeden Fall öffentliche Verkehrsmittel, Kleintransporter und Taxis in den betroffenen Regionen technisch umrüsten und das mit Hilfe der Konzerne, damit die Kosten gerecht verteilt werden, doch nach den alten Gesetzen (Rollenprüfstand) ist der höhere Ausstoß bei Motorbelastung erlaubt und dafür wird kein Konzern freiwillig bezahlen."

"Das hilft den Millionen normalen Autoeigentümern aber kein Stück, denn die besitzen dann wertlose Fahrzeuge, die sie entweder teuer nachrüsten oder den Städten fern bleiben müssen. Zudem werden laufend neue nicht umgerüstete Fahrzeuge zugelassen.

"Die neuen Fahrzeuge haben alle schon die neue Software aufgespielt." (Wissenswertes über den Dieselgate)

"Die alleine nichts nutzt, weil dafür zusätzlich neue und bereits vorhandene Abgasreinigungsanlagen eingebaut werden müssten und zwar flächendeckend."

"Über diese Mehrkosten bei der technischen Umrüstung älterer Fahrzeuge müssen wir uns unterhalten und wir als SPD wollen da die Wirtschaft mit ins Boot holen."

"Die sich bislang drückt wo es nur geht, weshalb VW auch keinen weiteren Aufschub für mögliche Sammelklagen der manipulierten Fahrzeuge gewährt hat, so wie noch letztes Jahr. Damit sind dann ab dem 01.01.2018 die Autobesitzer auf sich gestellt und haben keine Macht, außer bei den Konzernen nicht noch weitere Autos zu kaufen."

"Ein erstes Urteil zu möglichen Fahrverboten erwarte ich im Februar 2018. Zu diesem Zeitpunkt gibt es entweder Koalitionsverhandlungen oder Gespräche über Neuwahlen, dann kann sich keine Partei mehr diesem Problem verschließen."

"Dann wäre in Ihren Augen der politische Druck groß genug, um doch eine Lösung im Sinne der Dieselfahrzeugbesitzer zu finden?"

"Ja, allerdings glaube ich nicht, dass es eine kostenfreie oder einfache Lösung geben wird, auch je nachdem wie alt diese Fahrzeuge sind."

"Es trifft dann also wieder die, welche sich sowieso keine Neufahrzeuge leisten können und dann Geld aus ihren Taschen holen müssen, welches sie nicht haben. Das führt mich zur nächsten Frage. Die SPD redet von Gerechtigkeit und gleiches Geld für gleiche Arbeit. Wie kann es dann in Unternehmen wie DHL oder Lufthansa zu Arbeitsmodellen kommen, die sogar teilweise den Mindestlohn unterschreiten, weil es Unterfirmen gibt, die zu ganz anderen Bedingungen einstellen dürfen als die Stammbelegschaft, welche nach und nach abgebaut wird? Dies sind ja noch negative Auswüchse der Agenda 2010."

"Die Agenda 2010 ist lange her und wir dürfen die Bedingungen unter der die Agenda geschaffen wurde nicht vergessen und müssen die aktuelle Situation wieder neu beurteilen, denn wir haben völlig veränderte Bedingungen und müssen schnell Anpassungen vornehmen, ebenfalls bei Fehlern, die damals ohne Frage gemacht wurden."

"Es ist der SPD also auch ein wichtiges Anliegen bei möglichen zukünftigen Verhandlungen?"

"Natürlich. Wenn es Regelsystem ausgenutzt wird, gegen den Sinn des Gesetzgebers, müssen Änderungen vorgenommen werden. Das gilt auch für das unzureichende Gesetzt der Mietpreisbremse, welches wenig bis nichts bewirkt, ebenso wie den Selbstbedienungsladen der Hauseigentümer bei Modernisierungen, die auf die Mieter abgewälzt werden und selbst nach der Amortisierung kein Ende findet."

"Trotzdem ist in den letzten vier Jahren da nichts passiert, außer, dass Spekulanten haufenweise Häuser kaufen und mittels Modernisierung die Wohneinheiten entmieten, da sich die Bewohner die neuen Mieten schlichtweg nicht mehr leisten können und dann alles in Eigentumswohnungen umgewandelt wird, die dann auch mit ausländischen Kapital gekauft werden. Sitzt nicht genau in diesen Wohnungen die Klientel der SPD?"

"Genau das sind unsere Wähler und wir wissen dies, weshalb uns dieser Punkt auch wichtig ist, so wie er ebenfalls einer CDU/ CSU wichtig sein sollte, da selbst in Bayern der Mietzins in Großstädten nicht mehr bezahlbar ist. Wir hoffen also auf Gemeinsamkeiten bei diesem Thema. Darüber hinaus will die SPD eine höhere Grundsteuer auf Spekulationsgrundstücke erheben, welche nur nicht verkauft werden, weil die Investoren auf Wertsteigerung am angespannten Baumarkt spekulieren."

"Das heißt, ein Investor kann sich selber ausrechnen, wann es keinen Ertrag mehr auf seine Spekulation gibt und verkauft dann früher und zu annehmbarerem Preis?

"So ist es geplant. Damit nehmen wir nichts weg, sondern verhindern lediglich den Wohnungsbaustillstand zu Lasten der Mietsituationen in Großstädten. Zudem muss der Staat sich wieder viel mehr um den Bau von Wohnungen kümmern, ob als Neubau oder Aufstockung auf Gebäuden, wo es keine Grundstücke mehr zu bebauen gibt."

"Wenn wir schon über ausländisches Kapital reden, wie sieht es mit einem Schuldenschnitt Griechenlands aus?"

"Den wird es geben. Ich weiß nicht wann oder wie hoch dieser Schuldenschnitt sein wird, aber er wird kommen. Irgendwann."

"In ferner Zukunft, wenn das Land komplett tot ist?"

"Nein, ich denke in den nächsten schätzungsweise fünf Jahren, damit ein Neustart möglich ist, denn niemand kann in Europa ein Interesse an einem maroden Griechenland haben."

Ich bedanke mich für das Gespräch Herr Bartol."

Gastinterview: Arno von Rosen im Gespräch mit Sören Bartol - Teil 1

 Sören Bartol
Sören Bartol (SPD) ist der einzige Abgeordnete aus Marburg und Umgebung der es in den Deutschen Bundestag geschafft hat und das mit einem Direktmandat. Einer von insgesamt nur 12 der SPD und 50 Abgeordneten aus ganz Hessen. Grund genug für mich, um nach einem exklusiven Interview zu fragen. Bartol ist seit 2002 fünfmal in Folge direkt gewählt worden, eine beachtliche Serie in unsicheren politischen Zeiten. Der Mann ist zwar in Hamburg geboren, würde sich jedoch nie als Hamburger bezeichnen, da er in Lippe zur Schule ging und in Marburg studierte. Nicht gerade heimatlos, doch heute würde er sich als Marburger sehen und verbrachte hier auch die meiste Zeit seines Lebens. Der Familienvater von vier Kindern ist weder ein Leisetreter, noch wirkt er ausgeprägt diplomatisch, was die Politik im Allgemeinen und die SPD im Besonderen betrifft. Sicher ein glücklicher Umstand, wenn man Fragen stellt und obwohl ich die Causa Wahlschlappe bewusst weglassen wollte, greift Bartol das Thema selber sofort auf. 

"Es war ein Debakel und wir müssen den Menschen jetzt genau zuhören und daraus unsere Schlüsse ziehen, sonst sind wir in vier Jahren als Volkspartei erledigt!"

Das sind unerwartet markige Worte, doch abgesehen davon wäre ein wiederholter Stimmenverlust in vier Jahren mehr als nur eine Zäsur, aber es scheint so, als habe die SPD dies bereits verinnerlicht und wie Bartol betont, will die SPD als Zukunftspartei gesehen werden und ebenso agieren, denn die Zeit als kleiner Koalitionspartner der einst übermächtigen CDU hat Spuren hinterlassen, an seiner gesamten Partei, sagt er. Sören Bartol gehört politisch sicher zur Fraktion "Attacke" und so ist nur verständlich, warum er die nächste Bundeskanzlerin oder den Bundeskanzler stellen will.

"Bundeskanzlerin?“, frage ich

"Warum nicht? Wir haben genügend qualifizierte Frauen in unserer Partei!"

"Wenn die SPD von Erneuerung redet, gilt das nicht ebenfalls für das Personal? Ich sehe niemanden, der sich da jetzt zeigt. Ist es nur eine halbe Erneuerung?"

Bartol schnauft, denn die Frage kennt er schon.

"Wir werden jetzt sicher keinen unserer Politiker in die Rente schicken, nur weil wir eine Wahl verloren haben."

Früher war das doch Gang und Gäbe bei der SPD. Was hat sich geändert?

"Die Menschen. Sie wollen keine Politiker mehr, die sich nur mit sich selbst oder ihrer Partei beschäftigen, deshalb nervt mich dieser lange Prozess der Jamaikagespräche. Das dauert schon viel zu lange und schadet unserer Demokratie, denn Deutschland ist zurzeit nicht handlungsfähig und dies ist gerade jetzt notwendig, nicht nur für unser Land, sondern für ganz Europa."

"Glauben Sie daran, dass die Gespräche nach Terminvorgabe abgeschlossen sind?"

"Nein", ist die knappe Antwort.

"Halten Sie es für wahrscheinlich, dass Jamaika die komplette Legislaturperiode übersteht?"

Bartol schüttelt den Kopf, antwortet aber, "es ist nicht unser Problem, ob die Regierung vier Jahre lang hält, sondern was die SPD in dieser Zeit den Menschen in Deutschland an eigenen Lösungen für unser Land anzubieten hat, denn das ist im Wahlkampf völlig untergegangen."

"Also wird die Koalition scheitern?

Bartol windet sich auf seinem Stuhl, denn ich bin gewillt die Frage auch ein drittes Mal zu stellen.

"Wenn die CSU bei den Landtagswahlen 2018 eins auf die Mütze bekommt, ist die Koalition am nächsten Tag nur noch Geschichte, denn die vorgespielte Harmonie existiert dort nicht wirklich, egal um wen es sich bei der CSU handelt."

"Sie halten die Bayern also eher für Monarchisten?

Er lacht

"Eher für Separatisten, aber die sind nicht unser Problem, sondern das der CDU."

"Wie sieht denn ein Sören Bartol die Forderung der USA nach mehr Geld fürs Militär und wie weit würde die SPD gehen, um Frieden zu schaffen? Immerhin reden wir von hohen Milliardensummen in den kommenden Jahren."

"Ich halte nichts davon, die Militärausgaben pauschal mal eben so um eine Summe X zu erhöhen. Fakt ist aber, dass Deutschland mehr Geld ausgeben muss, um unsere Soldaten nicht im Regen stehen zu lassen. Unsere Bundeswehr ist schlecht ausgestattet, befindet sich derzeit dennoch in sieben Auslandseinsätzen. Diese Einsätze werden durch das Parlament entschieden, also direkt durch meine Stimme, da kann ich nicht einfach zusehen, wie diese Menschen im Stich gelassen werden. Wenn jemand total gegen Militär und Krieg ist, verstehe ich das, aber ich bin nicht naiv und weiß, dass es auch zu militärischen Auseinandersetzungen kommen kann. Verstehen Sie mich nicht falsch, die SPD will keinen Krieg, aber wer hätte noch vor Jahren gedacht, dass es zu einem Ukraine-Konflikt kommen könnte, doch jetzt ist er da. Wie viel Geld das insgesamt kostet, weiß ich nicht, aber wir halten nicht statisch an den von US-Präsident Trump geforderten 2% des Bruttoinlandsproduktes (für 2016 wären dies 62,7 Milliarden Euro gewesen, Ist-Ausgaben 2016 = 35,1 Milliarden Euro) für die Bundeswehr fest, so wie die CDU/ CSU, die dieser Vorgabe blind folgen wollen."

"Macron unterstützt ja die europäische Idee und möchte die Militärausstattung gerne zusammen entwickeln. Können Sie dem folgen?"

"Macron ist zwar kein Sozialdemokrat, aber er will Europa stärken und macht klare Ansagen. Damit kann die SPD gut umgehen, im Gegensatz zu Frau Merkel, die immer nur ausweichend antwortet und schwammig bleibt. Ich stehe übrigens voll hinter dem SPD-Parteivorsitzenden Martin Schulz, wenn er sagt, dass dieses Verhalten von der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel ein Anschlag auf unsere Demokratie ist. Man kann sich nicht immer wegducken und nichts sagen. Wir müssen den Menschen wieder vermitteln, dass Europa ein gigantisches Friedensprojekt ist und keine Erfindung für die Wirtschaft. Das haben viele in der Zwischenzeit vergessen."

"Die Menschen haben aber das Gefühl, es ginge lediglich um wirtschaftliche Interessen und wenn einem Land etwas nicht passt, verweigert es Europa, so wie Ungarn oder Polen, zum Beispiel. Hat bei den europäischen Verträgen niemand an solche Szenarien gedacht?"

Mich sieht ein nachdenklicher Sören Bartol an.

"Nur Europa ist stark. In China interessiert sich für Deutschland niemand, egal wie hoch unser Exportüberschuss ist, doch wenn wir als Staatengemeinschaft auftreten sind wir wer und man hört auf uns. Das muss unser Ziel sein."

"Von den Briten war man seit Margaret Thatcher gewohnt, dass Staaten gerne ihr eigenes Süppchen kochen im einigen Europa. Haben es die Briten jetzt übertrieben? Ich habe inzwischen nicht mehr das Gefühl, dass die wirklich den Brexit wollen. Wie sehen Sie das?"

"Der Brexit ist eine Katastrophe für Europa. Ob Großbritannien jetzt zurück will, weiß ich nicht, aber es wäre gut für Europa."

"Wird es einen "Brexit light" geben, bei dem alles so bleibt wie es vorher war, nur ohne die Briten in der Gemeinschaft?"

"Nein, dies ist unmöglich, weil es andere Staaten dazu auffordern würde sich in Zukunft auch nur noch die Rosinen rauszupicken und das wäre das Ende der europäischen Idee."

"Es gibt also nur den harten Bruch?"

"Ja, die Briten müssen mit allen Konsequenzen die Gemeinschaft verlassen, eine andere Möglichkeit gibt es nicht!"

"Wieviel Einfluss nimmt Deutschland an diesen Entscheidungen oder findet das alles nur in Brüssel statt?"

"Deutschland ist ein wichtiges Land in Europa, also haben wir auch Einfluss."

"Wäre es denkbar, den Brexit wieder rückgängig zu machen, wenn auf der Insel neu gewählt würde und sich die Bürger in einem neuen Votum gegen den Brexit entscheiden?"

"Das weiß ich nicht und es wäre auch reine Spekulation, doch wenn die Briten wieder dazu gehören würden, wäre das gut, aber alles haben zu wollen und dann EU-Bürger ausweisen zu wollen, wenn der Brexit vollzogen ist, geht gar nicht."

"Wie steht die SPD zu den ganzen Steueroasen in Europa? Das ist ja nicht gerade förderlich für den Gemeinschaftsgedanken."

"Die SPD hat nicht nur eine fabelhafte Steuerreform entwickelt, die von der CDU abgelehnt wurde, die Union ist auch vom Lobbyismus durchdrungen und der verhindert, dass das Kapital ordentlich besteuert wird. Dabei wollen und müssen wir Gerechtigkeit in unsere Gemeinschaft bringen. Man sehe sich nur mal den Fall "Paradise Papers" an"

"Sie halten es in diesem Fall also mit dem Zitat von Heiner Geißler (CDU, 1930-2017), der gesagt hat, "Es gibt Geld wie Dreck auf der Erde, es haben nur die falschen Leute."

"Ja, es ist nicht einzusehen, warum es keine stärkere Erbschaftssteuer für gut Vermögende in Deutschland geben sollte. Wir nehmen ja keinem Unternehmen Kapital weg, damit es dann Pleite geht, sondern wir denken da an Privatvermögen. Wenn jemand neun Milliarden Euro erbt und dafür so gut wie keine Lebensleistung erbracht hat, warum sollte darauf keine Erbschaftssteuer erhoben werden? Sehen Sie sich die Familie Quandt an. Da will niemand BMW schaden, aber es ist ungerecht dort keine Steuern zu erheben. Wir wollten den deutschen Mittelstand entlasten, als Jobmotor für unser Land, doch alle Steuererhöhungen oder Einführungen waren mit der CDU nicht zu machen. Da hatten wir keine Chance, unsere Ideen umzusetzen"

"Sie als für Verkehr zuständiger stellvertretender Vorsitzender der SPD wissen sicher um die vielen nötigen Investitionen in unsere Infrastruktur, trotzdem ist die schwarze Null im Bundeshaushalt gesetzt. Warum wird nicht mehr investiert, gerade in einer Zeit, da Geld so billig ist wie nie?"

"Es wurde ja mehr investiert als jemals zuvor.“

"Geht es darum, das Kapital zu schützen, weil dort im Moment fast keine Zinsen bezahlt werden müssen und sich deshalb Staatskredite für die Kapitalgeber nicht lohnen?“

"Nein, die schwarze Null ist ein Fetisch der CDU und hat nichts mit Schutz des Kapitals vor höherer Besteuerung zu tun. Schulden zurückzuzahlen ist ja grundsätzlich auch eine wichtige und gute Sache."

"Das sieht sicher jeder so, aber wenn die Investitionen dauernd verschoben werden, wird es am Ende doch teurer, also völlig sinnlos jetzt den Haushalt bei Null zu halten oder nicht?"

"Wie gesagt, es ist ein Fetisch der CDU und davon werden die nicht abrücken, aber Sie haben Recht. Wenn ich mir den Bildungssektor ansehe, speziell auch die Berufsschulen, ist deren Ausstattung dürftig und veraltet, also wenig zukunftsweisend. Da müsste eine Menge getan werden, ebenso wie bei Schulgebäuden. Oder zum Beispiel Investitionen in das duale Ausbildungssystem. Das ist hervorragend im Vergleich zur restlichen Welt, muss aber trotzdem attraktiver werden. Jeder möchte seine Kinder nur noch studieren lassen. Ein Meister in einem Handwerksberuf sollte gleichgesetzt werden mit einem Master von der Universität, aber den Menschen fehlt das Vertrauen in die Zukunft dieser Berufe. Studieren ist kein Allheilmittel, auch wenn es dringend notwendig ist, die Chancengleichheit zwischen Akademikerkindern und sozial schwächeren Familien wieder herzustellen."

"So, wie es schon einmal in den siebziger Jahren war?"

Ja, genau so, doch diese Situation betrifft auch den Pflegesektor und die Altersarmut. Da müsste dringend in Ausbildung investiert werden und in vernünftige Löhne, damit das Alter nicht automatisch zu Würdelosigkeit führt."

"Dafür ist der Mindestlohn aber immer noch zu niedrig oder geben Sie dem Gutachten der Wirtschaftsweisen Recht, die den Mindestlohn wieder abschaffen würden, um Anreize auch im Billiglohnsektor zu schaffen für mehr Arbeitsplätze?"

 Sören Bartol
"Das ist völliger Quatsch, was da empfohlen wird, denn es war eine große Leistung der SPD den Mindestlohn einzuführen, nur hat das kaum jemanden interessiert. Die Einen haben so viel Einkommen, dass denen das Thema egal ist und für die betroffenen Einkommensgruppen ist es immer noch zu wenig. So hatte dieses Gesetz nie den Stellenwert, den es verdient hätte, obwohl ich selber nie geglaubt habe, dass wir es mit der CDU durchsetzen können."

"Nehmen wir mal den beliebten Eckrentner, welcher 40 Jahre lang gearbeitet hat, obwohl solche Biografien heute eher selten sind und lassen diesen 10 Euro in der Stunde verdienen, dann ist er immer noch auf Hartz IV Niveau und muss zum Amt. Ist das nicht eine versteckte Subvention für Unternehmen, die ausschließlich auf billige Arbeitskräfte setzen?"

"Das kann man so sehen, aber wir müssen dahin kommen, dass die Menschen wieder so viel verdienen, dass es dieses Szenario in der Zukunft nicht geben wird und ebenfalls der Neidfaktor in Deutschland keine Rolle mehr spielt. Lieber heute als morgen und da sehe ich nur die SPD als treibende politische Kraft, denn die Linken wollen nur Opposition machen und reden gerne von Gerechtigkeit, aber ohne sich als Regierung zu beteiligen und die anderen Parteien haben da kein Interesse."

"Es gibt aber durchaus vernünftige Ansichten bei der Linken."

"Ja und mit einigen aus der Partei könnte die SPD sofort eine Koalition eingehen, nur eben nicht mit allen von der Linken."

"Haben Sie eigentlich Freunde in Berlin?"

"Natürlich habe ich das."

"Ich meine aus der Partei?"

"Ich weiß worauf Sie anspielen. Freund, Feind, Parteifreund. Das ist nur ein Klischee, aber bei Freundschaft muss man differenzieren." 

"Ich meine jemanden, der nicht hinterhältig ist und einen ins offene Messer laufen lässt, egal von welcher Partei."

"Die gibt es tatsächlich von jeder Partei, außer von der AfD. Ich würde keine Namen nennen wollen, aber natürlich geht man mit einigen lieber Essen als mit anderen oder trifft sich nach der Arbeit."

"Kommt es da auch mal zu Annäherungen der politischen Ansichten, als eine Art Diplomatie zwischen den Parteien, losgelöst vom Parlament?"

"Ja, auch, aber das ist alles viel normaler, als Außenstehende sich das vorstellen."

"Sie haben sich am Anfang des Gesprächs nicht selber als Neuanfang für die SPD ins Spiel gebracht. Warum nicht? Haben Sie keine Ziele?"

Bartol grinst breit.

"Natürlich habe ich die. Ich möchte erneut stellvertretender Fraktionsvorsitzender werden, weil ich den Job kann und er mir Spaß macht. Ich werde also alles dafür tun, obwohl es in der Opposition weniger Funktionen gibt und es automatisch mehr Bewerber für jede Position gibt."

"Können Sie in der Opposition nicht mehr so viel für Marburg tun wie zuvor?"

"Das hängt nicht unmittelbar zusammen, denn die Netzwerke bleiben bestehen. Man bekommt vielleicht nicht mehr immer eine direkte Anerkennung, denn man arbeitet mehr hinter den Kulissen, aber wichtig ist das Ergebnis für die Menschen, nicht wer daran beteiligt war. Wichtig ist in der Zukunft auch der Bereich Digitalisierung. Da müssen wir die Menschen drauf vorbereiten. Die FDP will das ohne echte Kontrollen und die Grünen interessiert es nicht, aber die SPD will die Menschen auf das neue Zeitalter vorbereiten, ob Automobilsektor oder Energieversorgung. Braunkohle ist veraltet, aber gerade im Osten ein wichtiger Arbeitgeber und noch nicht zu ersetzen. Da muss noch Geld in die Forschung fließen, um Stromspeicher zu entwickeln und die lebensnotwendige Stromtrasse von Nord nach Süd zu bauen, aber auch dort verhält sich die CSU unverantwortlich in meinen Augen. Gaskraftwerke wären zwar ebenfalls aus nicht regenerativen Brennstoffen, aber sehr viel sauberer als Braunkohle."

"Das Gas, welches aus Russland kommt und das fast zu zwei Dritteln?"  

Zurzeit schon, aber so, wie in 15 Jahren Fahrzeuge automatisch im Straßenverkehr gelenkt werden, so arbeiten wir jetzt bereits daran von ausländischen Energien unabhängig zu werden. Wenn wir nicht so viel Strom exportieren würden, könnte man die Kohlekraftwerke sogar abschalten, aber wir wollen einen Übergang zu neuen Technologien schaffen ohne ein Heer von Arbeitslosen auf der Straße stehen zu haben."

Eine letzte Frage, die mir persönlich wichtig ist und vielen Lesern. Was halten Sie von dem erfolgreichen Bemühen von Christian Schmidt (CSU, Bundesminister Ernährung und Landwirtschaft) beim Paris-Abkommen die deutsche Landwirtschaft von der Umweltbelastung aus dem Vertrag zu nehmen, gerade im Bezug auf Grundwasserverschmutzung, Massentierhaltung und freigegebene Notfall-Antibiotika durch das Robert Koch Institut?"

"Das ist eine Katastrophe und wir als SPD haben alles getan, um das Schlimmste zu verhindern, hatten aber keine Chance das zu verbieten, sondern nur abzuschwächen, weil auch da die CDU/CSU den Lobbyisten gefolgt ist. Ohne den Widerstand der SPD hätten die in Brüssel auch Glyphosat einfach durchgewunken. So konnten wir zumindest das verhindern, obwohl wir das Pflanzenschutzgift überhaupt nicht mehr haben wollten. Deshalb wollen wir nicht mehr als Juniorpartner in einer Koalition sein. Vielleicht halten mich einige für verrückt, aber ich hätte gerne die absolute Mehrheit im Bundestag, auch wenn das heutzutage nicht mehr realistisch ist, doch mit einem Ergebnis wie 1998 von 40,9 % wäre die SPD wieder eine starke Partei, die den Menschen helfen könnte. Kompromisse gehören zur Politik, aber wir würden sie mit einem solchen Ergebnis nicht mehr so schnelle wieder eingehen müssen, und damit die Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholen."

"Danke für das Gespräch."