Gastkolumne Thomas Stiegler: "Was ist heute der Nutzen von Dichtung?"

 Thomas Stiegler
"Was ist heute der Nutzen von Dichtung?" Das ist eine Frage, die darum nicht weniger stichhaltig ist, weil sie von so vielen Dummen herausfordernd gestellt oder von so vielen Einfältigen apologetisch beantwortet wird (R. v. Ranke-Graves) 


Diese Zeilen beschäftigen mich nun schon seit Jahren. Ich habe Gedichte immer nur als nettes Beiwerk der Literatur betrachtet und meine Zeit lieber mit dicken Wälzern wie "Krieg und Frieden" verbracht.

Trotzdem spürte ich immer eine leise Stimme, die darauf beharrte, dass in Gedichten ein Geheimnis liegt, das sich mir einfach noch nicht erschlossen hat. Und daher begann ich mir selbst einige Fragen zu stellen.

Was unterscheidet lyrische Texte von anderen Arten der Übermittlung? Warum berühren uns Gedichte, und an welchen Stellen? Und wenn wir Gedichte brauchen, wovon ich mittlerweile überzeugt bin, warum, und wozu dienen sie uns?


Was jedem auffällt ist die starke Veränderung, die unsere Sprache gerade durchmacht.

Natürlich ändert sich Sprache permanent und passt sich an die neue Lebensumwelt der Menschen an. Aber heute geht es nicht mehr nur darum, sondern vielmehr um einen dramatischen Verfall unserer Sprache.


Viele Menschen halten das für ein "Kassandra-Geschrei". In ihren Augen ändert sich zwar die Sprache, aber sie glauben, dass dies dieselbe Entwicklung sei wie wir sie seit mehr als 2000 Jahren kennen.

Aber sie irren sich, denn sie verwechseln die Quantität der gebrauchten Worte mit der den Worten innewohnenden Qualität. Sie beziehen sich immer nur auf die Verwendung der Sprache für Dinge im Außen, für die Verständigung über technische Vorgänge oder die Verbreitung von Informationen.

Und auf diese Aspekte bezogen stimmt es vielleicht sogar, dass hier ein normaler Wandel geschieht und sich die Sprache an eine neue Umwelt anpasst.


Kommunikation ist aber weit mehr als das. Viel wichtiger ist die Frage inwiefern sie es schafft, abstrakte Gedanken zu übermitteln und innere Vorgänge auszudrücken.

Inwieweit es durch Sprache möglich ist neue Gedankenräume zu erschaffen, neue Arten des Denkens und Fühlens und eine neue Sicht auf uns selbst als Mensch in dieser Welt zu entdecken.


Und unter diesem Gesichtspunkt stehen wir vor einer besorgniserregenden Entwicklung.

Denn Sprache ist immer ein Abbild ihrer Zeit. In unserer scheinen die wichtigsten Dinge Geld, Macht und Technik zu sein, und deshalb entwickelt sich unsere Sprache zwangsläufig in eine Richtung um diesem Weltbild gerecht zu werden.


Aber durch diese reduzierte Sicht auf die Welt beschneiden wir sie um ihre wichtigste Aufgabe und uns selbst um die Möglichkeit, mit den urmenschlichsten Problemen wie Liebe oder Einsamkeit auf eine produktive Art umzugehen. 


Dadurch kann das geschehen, was Cornelia Jentzsch einmal beschrieben hat: "Als ich angefangen habe, über das Leben nachzudenken, haben mir die Worte gefehlt."

Und genau darum geht es. Wenn wir die Worte verlieren, wenn wir eine nuancierte Sprache verlieren, dann werden wir nicht mehr über eine Welt außerhalb der sichtbaren Realität nachdenken können. 


Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch den Verlust unserer Buchkultur und ihre Ablösung durch die modernen Massenmedien.

Ich habe an anderer Stelle schon genauer darüber geschrieben, daher will ich im Folgenden nur zeigen wie drei verschiedene Medien einen je eigenen Zugang zu differenzierten Gedanken und Gefühlen ermöglichen oder verhindern.


Der Film ist ein Medium, in dem es in erster Linie um bewegte Bilder geht. Der Text kann wichtig sein, bleibt aber immer sekundär.

Eines der großen Probleme dieses Mediums ist, dass Filme nur eine kurze Zeitspanne haben um die Menschen zu erreichen. Deshalb müssen Gefühle und Gedanken so dargestellt werden, dass man sie sofort erkennt und versteht und das führt zwangsläufig zu einer stark vereinfachten und oberflächlichen Darstellung.

Prosa ist weit besser geeignet, um Gefühle darzustellen und sie für sein Leben fruchtbar zu machen.-

Der Fokus liegt bei dieser Art von Texten auf einer Handlung, in der die Gefühle und Gedanken eingebettet sind. Deshalb ist dieses Medium wie kein zweites dafür geschaffen, diese beiden zueinander in Beziehung zu setzen, in Sprache zu transformieren und uns die Möglichkeit zu geben, sie in unser Leben zu integrieren.

Aber durch die Abhängigkeit von einer Geschichte erreichen diese Texte selten den Punkt an dem sie über das Sagbare hinausgehen müssten.


Und an dieser Stelle habe ich endlich den Sinn von Gedichten verstanden.

Gedichte machen diesen Schritt, hinaus in Sphären die man nur noch erahnen. aber nicht mehr in Worte fassen kann, die aber trotz allem real sind und für unser Menschsein von enormer Wichtigkeit.


Ein gutes Gedicht besitzt eine „innere Schönheit“, und durch die Kraft seiner Sprache kann es unseren Verstand befreien und für einen Augenblick mit einer anderen Welt in Verbindung bringen.

Gedichte haben die Möglichkeit zwischen den Worten einen Blick auf das zu erhaschen, was sich durch Sprache nicht mehr ausdrücken lässt.


Sie können auch feinste Nuancen ansprechen und, was noch wichtiger ist, Dinge andeuten, die man nicht mehr aussprechen, aber durch die Kraft ihrer Worte nachempfinden kann. Gedichte setzen Dinge zueinander in Beziehung, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, aber für einen Augenblick zueinander sprechen können.


Deshalb erscheinen sie manchmal unlogisch, sie scheinen abzudriften, sich zu wiederholen und schwer fassbar zu sein. Aber das ist mehr als nur ein Narzissmus des Poeten. Es dient diesem besonderen Zweck, uns aus unserer Zeit herauszureißen und kurz über uns hinaus wachsen zu lassen.

Dadurch geben Gedichte dem Inneren eine Stimme. Sie geraten an die Grenze dessen was sich mit Worten sagen lässt und manchmal darüber hinaus.


Gerade deshalb können sie uns als Schutzschild gegen die heutige Zeit mit ihrer Dauerbeschallung aus Unterhaltung, fremden Gedanken und Meinungen dienen. Nicht um der Realität zu entfliehen, sondern um in unserem Inneren einen Ort der Menschlichkeit zu bewahren, einen Ort der Stille und Imagination, damit dort Inspiration und Liebe wachsen können.

Thomas Stiegler

Gastinterview: Arno von Rosen im Gespräch mit Sören Bartol, Teil 2.

 Sören Bartol
Das erste Gespräch (siehe Post weiter unten) fand am 15. November 2017 statt und war bereits wenige Tage später durch die Beendigung der Jamaika-Gespräche seitens der FDP in Teilen überholt. So haben wir uns für den 16. Dezember erneut verabredet, direkt nach der Rückreise Herrn Bartols aus Berlin, wo am Vorabend eine Präsidiumssitzung stattfand, um sich über die Sondierungsgespräche mit der CDU/ CSU auseinanderzusetzen. Ich betrete das Büro und sofort fällt mir auf, dass der lebensgroße Parteivorsitzende Schulz nicht mehr als Pappaufsteller den Eingangsbereich ziert. Nur eine Randnotiz und sicher psychologisch diskutabel, aber ich will keine Geister rufen, die eventuell nicht vorhanden sind, also konzentriere ich mich aufs Gespräch, doch die Perspektive und die Fragen haben sich geändert, da die SPD nun doch möglicherweise mit in einem Regierungsboot sitzen könnte. Ob darauf dann "Mayflower" oder "Titanic" geschrieben steht, wird erst die Zukunft zeigen.

"Herr Bartol, wie stehen Sie zu der Causa Christian Schmidt und dem durchwinken von Glyphosat?"

Sein entspanntes Gesicht scheint zu verraten, dass diese Begebenheit ausgiebig in den SPD Reihen diskutiert wurde.

"Ich gehe davon aus, dass Herr Schmidt in einer zukünftigen Regierung keine Ministerfunktion mehr ausübt. Dies wird dann sicher eines der Ziele von Horst Seehofer in Berlin sein. Das ist dann Sache der CSU"

"Also war diese Aktion in Brüssel ein Abschiedsgeschenk von Minister Schmidt für das Unternehmen?"

Bartol zuckt mit den Schultern und nickt andeutungsweise.

"War es dann klug bei Markus Lanz aller Welt zu versichern, es gäbe dahingehend keinerlei Pläne und noch zusätzlich die beleidigte Leberwurst zu geben?"

"Sicher nicht, aber die Angelegenheit "Schmidt" fällt nicht in mein Ressort."

Der beredsame Politiker bleibt einsilbig, aber sicher wird Schmidt wieder durch die Presselandschaft geistern, sobald er einen Lobbyposten in der Wirtschaft bekleidet und wir dürfen gespannt darauf warten wo das sein wird.

"Ihr Präsidium hat gestern den Sondierungsgesprächen geschlossen grünes Licht erteilt. Können Sie verstehen, dass die Bürger nur noch genervt sind von den Dauerverhandlungen?"

"Ja, aber daran war die SPD nicht beteiligt."

"Trotzdem schiebt jetzt jede Partei ihnen den Schwarzen Peter zu, auch, weil die SPD 15 Minuten nach schließen der Wahllokale jede Regierungsbeteiligung und damit verbundene Gespräche abgelehnt hat. Hatten Sie nicht mit dem Scheitern von Jamaika gerechnet?"

"Ich hatte es vermutet."

"Das sind doch alles Profis, wie konnte daraus so ein Fiasko entstehen?"

"Da gab es keine Profis, bis auf Trittin, aber die haben die Sache schon völlig falsch angefangen, denn alleine bei den Sondierungsgesprächen wurde ein dicker Katalog mit Themen erstellt.

"Sie meinen es gab eine Art Koalitionsverhandlung, obwohl es nur Sondierungen waren?"

"Genau. In den Gesprächen geht es lediglich darum die Punkte jeder Partei festzustellen, die denen wichtig sind und daraus kann man dann ersehen, ob Koalitionsverhandlungen sinnvoll sind."

"Bei der SPD wird es also keine Indiskretionen geben, wo jeder Gesprächsstand sofort den Medien mitgeteilt wird?"

"Bei den Treffen der Spitzenleute sicher nicht und wir werden auch nicht vom Balkon winken und Nachrichten per Twitter verbreiten."

"Nächste Woche am 20. Dezember soll dann die Entscheidung über Sondierungsgespräche zwischen CDU/ CSU und SPD fallen. Steht das Ergebnis nicht schon fest und es wird auf jeden Fall zu Verhandlungen kommen?"

(Natürlich ist dies bereits wieder Vergangenheit und die Verhandlungen bewegen sich auf mögliche Koalitionsgespräche zu)

"Nein wir werden ergebnisoffen in die Sondierungen reingehen, ohne jegliche rote Linien, so wie die anderen Parteien auch."

"Was ist mit den roten Linien von der CSU?"

"Da gibt es ebenfalls keine."

"Gestern hat Herr Seehofer der Presse mitgeteilt es gäbe weder Verhandlungen oder Gespräche ohne die CSU, egal ob mit der SPD oder der Schwesterpartei CDU, falls damit der Wahlkampf in Bayern betroffen sei und Angela Merkel stand daneben. Das ist für mich bereits eine rote Linie und sogar eine Androhung."

"So ist eben die CSU, aber das ist da immer so gewesen."

"Immerhin hat der Königsmörder Markus Söder doch sein Ziel, Horst Seehofer abzulösen, erreicht. Ist es da hilfreich im TV zu sagen, dass es bei allen Verhandlungen nichts geben würde, was einer CSU bei den eigenen Landtagswahlen schadet?"

"Natürlich nicht und mit dieser Einstellung kann die Landtagswahl auch für Söder zum Problem werden."

"Immerhin ist Ihr Parteivorsitzender erheblich ruhiger mit seinen Aussagen geworden, was die zukünftigen Gespräche angeht. Will die SPD nun doch regieren?"

"Darum geht es derzeit nicht, sondern wirklich nur um Sondierungsgespräche"

"Entschuldigung, ich muss mich wohl an die neue SPD gewöhnen, die sich nicht sofort selbst in Diskussionen zerfleischt."

"Bei der SPD Spitze jedenfalls nicht, was aber nicht heißt, dass die Basis da ganz andere Vorstellungen hat, die sind nach wie vor mehrheitlich gegen eine Regierungsbeteiligung der SPD. Doch dies ist für mich gelebte Demokratie. Nicht einer an der Spitze sollte alles entscheiden, sondern es ist gut, wenn es innerhalb einer Partei lebendige Diskussionen über mögliche Ziele und Vorgehensweisen gibt. Das sehe ich bei anderen Parteien nicht so ausgeprägt, mir aber gefällt das."

"Ist es nicht gefährlich auf Neuwahlen zu spekulieren? Bei manchen Parteien beschleicht einen das Gefühl, es wird dahingehend gepokert, um doch noch mehr Wählerstimmen zu erhalten. Bei der SPD ebenfalls?"

"Absolut nicht, aber wenn unsere Gespräche mit der Union scheitern, gibt es Neuwahlen."

"Na ja, so einfach ist das auch nicht, da gibt es viele Schritte zu erledigen, zum Beispiel erneute Gespräche mit dem Bundespräsidenten."

"Die Hürden für Neuwahlen sind bewusst hoch, damit nicht so lange gewählt wird, bis irgendjemand das Ergebnis gefällt. Wir wollen keine Neuwahlen und wir sind uns bewusst, dass die 20 Prozent der Wähler, die uns ihre Stimme gegeben haben denken, "macht etwas daraus!" Denen ist herzlich egal was mit der SPD wird, die möchten nur eine handlungsfähige Regierung und das ist unser Auftrag, selbst wenn es in der Öffentlichkeit heißt, dies wäre schlecht für unser Land oder für die SPD."

"Dann gehen wir doch einmal Themen an, die vielen Menschen in Deutschland auf den Nägeln brennen."

 Sören Bartol
Bartol strafft sich und wirkt hochkonzentriert.

"Ein leidiges Thema ist die fortwährende Dieselaffäre. Weder gab es ein Gesetz, welches Sammelklagen zulässt, noch ist irgendwie geklärt, wer auf den gesamten Kosten sitzen bleibt. Findet da gerade eine gigantische Fahrzeugentwertung statt?

"Es gibt schon die Möglichkeit sich Klageanwälten anzuschließen, die viele Mandanten auf einmal in dieser Sache vertreten, aber das ist natürlich nicht dasselbe wie eine Sammelklage, denn dafür müssten neue Gesetze her und die sind derzeit nicht mit der Union zu machen." (Stand 16.12.17)

"Die Schuld für mögliche zukünftige Fahrverbote in Städten tragen aber nicht die Autobesitzer, sondern die Konzerne. Warum sollte der Schaden also zu Lasten der Bevölkerung gehen?"

"Die manipulierten Fahrzeuge bekommen ja schon kostenlose Updates und sind damit besser."

"Besser sind die Fahrzeuge deshalb nicht, lediglich die Verschleierungssoftware wurde entfernt. Der Dreck bläst weiterhin aus dem Auspuff und es droht auch trotz der neuen Software ein Fahrverbot in Städten."

"Wir müssen auf jeden Fall öffentliche Verkehrsmittel, Kleintransporter und Taxis in den betroffenen Regionen technisch umrüsten und das mit Hilfe der Konzerne, damit die Kosten gerecht verteilt werden, doch nach den alten Gesetzen (Rollenprüfstand) ist der höhere Ausstoß bei Motorbelastung erlaubt und dafür wird kein Konzern freiwillig bezahlen."

"Das hilft den Millionen normalen Autoeigentümern aber kein Stück, denn die besitzen dann wertlose Fahrzeuge, die sie entweder teuer nachrüsten oder den Städten fern bleiben müssen. Zudem werden laufend neue nicht umgerüstete Fahrzeuge zugelassen.

"Die neuen Fahrzeuge haben alle schon die neue Software aufgespielt." (Wissenswertes über den Dieselgate)

"Die alleine nichts nutzt, weil dafür zusätzlich neue und bereits vorhandene Abgasreinigungsanlagen eingebaut werden müssten und zwar flächendeckend."

"Über diese Mehrkosten bei der technischen Umrüstung älterer Fahrzeuge müssen wir uns unterhalten und wir als SPD wollen da die Wirtschaft mit ins Boot holen."

"Die sich bislang drückt wo es nur geht, weshalb VW auch keinen weiteren Aufschub für mögliche Sammelklagen der manipulierten Fahrzeuge gewährt hat, so wie noch letztes Jahr. Damit sind dann ab dem 01.01.2018 die Autobesitzer auf sich gestellt und haben keine Macht, außer bei den Konzernen nicht noch weitere Autos zu kaufen."

"Ein erstes Urteil zu möglichen Fahrverboten erwarte ich im Februar 2018. Zu diesem Zeitpunkt gibt es entweder Koalitionsverhandlungen oder Gespräche über Neuwahlen, dann kann sich keine Partei mehr diesem Problem verschließen."

"Dann wäre in Ihren Augen der politische Druck groß genug, um doch eine Lösung im Sinne der Dieselfahrzeugbesitzer zu finden?"

"Ja, allerdings glaube ich nicht, dass es eine kostenfreie oder einfache Lösung geben wird, auch je nachdem wie alt diese Fahrzeuge sind."

"Es trifft dann also wieder die, welche sich sowieso keine Neufahrzeuge leisten können und dann Geld aus ihren Taschen holen müssen, welches sie nicht haben. Das führt mich zur nächsten Frage. Die SPD redet von Gerechtigkeit und gleiches Geld für gleiche Arbeit. Wie kann es dann in Unternehmen wie DHL oder Lufthansa zu Arbeitsmodellen kommen, die sogar teilweise den Mindestlohn unterschreiten, weil es Unterfirmen gibt, die zu ganz anderen Bedingungen einstellen dürfen als die Stammbelegschaft, welche nach und nach abgebaut wird? Dies sind ja noch negative Auswüchse der Agenda 2010."

"Die Agenda 2010 ist lange her und wir dürfen die Bedingungen unter der die Agenda geschaffen wurde nicht vergessen und müssen die aktuelle Situation wieder neu beurteilen, denn wir haben völlig veränderte Bedingungen und müssen schnell Anpassungen vornehmen, ebenfalls bei Fehlern, die damals ohne Frage gemacht wurden."

"Es ist der SPD also auch ein wichtiges Anliegen bei möglichen zukünftigen Verhandlungen?"

"Natürlich. Wenn es Regelsystem ausgenutzt wird, gegen den Sinn des Gesetzgebers, müssen Änderungen vorgenommen werden. Das gilt auch für das unzureichende Gesetzt der Mietpreisbremse, welches wenig bis nichts bewirkt, ebenso wie den Selbstbedienungsladen der Hauseigentümer bei Modernisierungen, die auf die Mieter abgewälzt werden und selbst nach der Amortisierung kein Ende findet."

"Trotzdem ist in den letzten vier Jahren da nichts passiert, außer, dass Spekulanten haufenweise Häuser kaufen und mittels Modernisierung die Wohneinheiten entmieten, da sich die Bewohner die neuen Mieten schlichtweg nicht mehr leisten können und dann alles in Eigentumswohnungen umgewandelt wird, die dann auch mit ausländischen Kapital gekauft werden. Sitzt nicht genau in diesen Wohnungen die Klientel der SPD?"

"Genau das sind unsere Wähler und wir wissen dies, weshalb uns dieser Punkt auch wichtig ist, so wie er ebenfalls einer CDU/ CSU wichtig sein sollte, da selbst in Bayern der Mietzins in Großstädten nicht mehr bezahlbar ist. Wir hoffen also auf Gemeinsamkeiten bei diesem Thema. Darüber hinaus will die SPD eine höhere Grundsteuer auf Spekulationsgrundstücke erheben, welche nur nicht verkauft werden, weil die Investoren auf Wertsteigerung am angespannten Baumarkt spekulieren."

"Das heißt, ein Investor kann sich selber ausrechnen, wann es keinen Ertrag mehr auf seine Spekulation gibt und verkauft dann früher und zu annehmbarerem Preis?

"So ist es geplant. Damit nehmen wir nichts weg, sondern verhindern lediglich den Wohnungsbaustillstand zu Lasten der Mietsituationen in Großstädten. Zudem muss der Staat sich wieder viel mehr um den Bau von Wohnungen kümmern, ob als Neubau oder Aufstockung auf Gebäuden, wo es keine Grundstücke mehr zu bebauen gibt."

"Wenn wir schon über ausländisches Kapital reden, wie sieht es mit einem Schuldenschnitt Griechenlands aus?"

"Den wird es geben. Ich weiß nicht wann oder wie hoch dieser Schuldenschnitt sein wird, aber er wird kommen. Irgendwann."

"In ferner Zukunft, wenn das Land komplett tot ist?"

"Nein, ich denke in den nächsten schätzungsweise fünf Jahren, damit ein Neustart möglich ist, denn niemand kann in Europa ein Interesse an einem maroden Griechenland haben."

Ich bedanke mich für das Gespräch Herr Bartol."

Gastinterview: Arno von Rosen im Gespräch mit Sören Bartol - Teil 1

 Sören Bartol
Sören Bartol (SPD) ist der einzige Abgeordnete aus Marburg und Umgebung der es in den Deutschen Bundestag geschafft hat und das mit einem Direktmandat. Einer von insgesamt nur 12 der SPD und 50 Abgeordneten aus ganz Hessen. Grund genug für mich, um nach einem exklusiven Interview zu fragen. Bartol ist seit 2002 fünfmal in Folge direkt gewählt worden, eine beachtliche Serie in unsicheren politischen Zeiten. Der Mann ist zwar in Hamburg geboren, würde sich jedoch nie als Hamburger bezeichnen, da er in Lippe zur Schule ging und in Marburg studierte. Nicht gerade heimatlos, doch heute würde er sich als Marburger sehen und verbrachte hier auch die meiste Zeit seines Lebens. Der Familienvater von vier Kindern ist weder ein Leisetreter, noch wirkt er ausgeprägt diplomatisch, was die Politik im Allgemeinen und die SPD im Besonderen betrifft. Sicher ein glücklicher Umstand, wenn man Fragen stellt und obwohl ich die Causa Wahlschlappe bewusst weglassen wollte, greift Bartol das Thema selber sofort auf. 

"Es war ein Debakel und wir müssen den Menschen jetzt genau zuhören und daraus unsere Schlüsse ziehen, sonst sind wir in vier Jahren als Volkspartei erledigt!"

Das sind unerwartet markige Worte, doch abgesehen davon wäre ein wiederholter Stimmenverlust in vier Jahren mehr als nur eine Zäsur, aber es scheint so, als habe die SPD dies bereits verinnerlicht und wie Bartol betont, will die SPD als Zukunftspartei gesehen werden und ebenso agieren, denn die Zeit als kleiner Koalitionspartner der einst übermächtigen CDU hat Spuren hinterlassen, an seiner gesamten Partei, sagt er. Sören Bartol gehört politisch sicher zur Fraktion "Attacke" und so ist nur verständlich, warum er die nächste Bundeskanzlerin oder den Bundeskanzler stellen will.

"Bundeskanzlerin?“, frage ich

"Warum nicht? Wir haben genügend qualifizierte Frauen in unserer Partei!"

"Wenn die SPD von Erneuerung redet, gilt das nicht ebenfalls für das Personal? Ich sehe niemanden, der sich da jetzt zeigt. Ist es nur eine halbe Erneuerung?"

Bartol schnauft, denn die Frage kennt er schon.

"Wir werden jetzt sicher keinen unserer Politiker in die Rente schicken, nur weil wir eine Wahl verloren haben."

Früher war das doch Gang und Gäbe bei der SPD. Was hat sich geändert?

"Die Menschen. Sie wollen keine Politiker mehr, die sich nur mit sich selbst oder ihrer Partei beschäftigen, deshalb nervt mich dieser lange Prozess der Jamaikagespräche. Das dauert schon viel zu lange und schadet unserer Demokratie, denn Deutschland ist zurzeit nicht handlungsfähig und dies ist gerade jetzt notwendig, nicht nur für unser Land, sondern für ganz Europa."

"Glauben Sie daran, dass die Gespräche nach Terminvorgabe abgeschlossen sind?"

"Nein", ist die knappe Antwort.

"Halten Sie es für wahrscheinlich, dass Jamaika die komplette Legislaturperiode übersteht?"

Bartol schüttelt den Kopf, antwortet aber, "es ist nicht unser Problem, ob die Regierung vier Jahre lang hält, sondern was die SPD in dieser Zeit den Menschen in Deutschland an eigenen Lösungen für unser Land anzubieten hat, denn das ist im Wahlkampf völlig untergegangen."

"Also wird die Koalition scheitern?

Bartol windet sich auf seinem Stuhl, denn ich bin gewillt die Frage auch ein drittes Mal zu stellen.

"Wenn die CSU bei den Landtagswahlen 2018 eins auf die Mütze bekommt, ist die Koalition am nächsten Tag nur noch Geschichte, denn die vorgespielte Harmonie existiert dort nicht wirklich, egal um wen es sich bei der CSU handelt."

"Sie halten die Bayern also eher für Monarchisten?

Er lacht

"Eher für Separatisten, aber die sind nicht unser Problem, sondern das der CDU."

"Wie sieht denn ein Sören Bartol die Forderung der USA nach mehr Geld fürs Militär und wie weit würde die SPD gehen, um Frieden zu schaffen? Immerhin reden wir von hohen Milliardensummen in den kommenden Jahren."

"Ich halte nichts davon, die Militärausgaben pauschal mal eben so um eine Summe X zu erhöhen. Fakt ist aber, dass Deutschland mehr Geld ausgeben muss, um unsere Soldaten nicht im Regen stehen zu lassen. Unsere Bundeswehr ist schlecht ausgestattet, befindet sich derzeit dennoch in sieben Auslandseinsätzen. Diese Einsätze werden durch das Parlament entschieden, also direkt durch meine Stimme, da kann ich nicht einfach zusehen, wie diese Menschen im Stich gelassen werden. Wenn jemand total gegen Militär und Krieg ist, verstehe ich das, aber ich bin nicht naiv und weiß, dass es auch zu militärischen Auseinandersetzungen kommen kann. Verstehen Sie mich nicht falsch, die SPD will keinen Krieg, aber wer hätte noch vor Jahren gedacht, dass es zu einem Ukraine-Konflikt kommen könnte, doch jetzt ist er da. Wie viel Geld das insgesamt kostet, weiß ich nicht, aber wir halten nicht statisch an den von US-Präsident Trump geforderten 2% des Bruttoinlandsproduktes (für 2016 wären dies 62,7 Milliarden Euro gewesen, Ist-Ausgaben 2016 = 35,1 Milliarden Euro) für die Bundeswehr fest, so wie die CDU/ CSU, die dieser Vorgabe blind folgen wollen."

"Macron unterstützt ja die europäische Idee und möchte die Militärausstattung gerne zusammen entwickeln. Können Sie dem folgen?"

"Macron ist zwar kein Sozialdemokrat, aber er will Europa stärken und macht klare Ansagen. Damit kann die SPD gut umgehen, im Gegensatz zu Frau Merkel, die immer nur ausweichend antwortet und schwammig bleibt. Ich stehe übrigens voll hinter dem SPD-Parteivorsitzenden Martin Schulz, wenn er sagt, dass dieses Verhalten von der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel ein Anschlag auf unsere Demokratie ist. Man kann sich nicht immer wegducken und nichts sagen. Wir müssen den Menschen wieder vermitteln, dass Europa ein gigantisches Friedensprojekt ist und keine Erfindung für die Wirtschaft. Das haben viele in der Zwischenzeit vergessen."

"Die Menschen haben aber das Gefühl, es ginge lediglich um wirtschaftliche Interessen und wenn einem Land etwas nicht passt, verweigert es Europa, so wie Ungarn oder Polen, zum Beispiel. Hat bei den europäischen Verträgen niemand an solche Szenarien gedacht?"

Mich sieht ein nachdenklicher Sören Bartol an.

"Nur Europa ist stark. In China interessiert sich für Deutschland niemand, egal wie hoch unser Exportüberschuss ist, doch wenn wir als Staatengemeinschaft auftreten sind wir wer und man hört auf uns. Das muss unser Ziel sein."

"Von den Briten war man seit Margaret Thatcher gewohnt, dass Staaten gerne ihr eigenes Süppchen kochen im einigen Europa. Haben es die Briten jetzt übertrieben? Ich habe inzwischen nicht mehr das Gefühl, dass die wirklich den Brexit wollen. Wie sehen Sie das?"

"Der Brexit ist eine Katastrophe für Europa. Ob Großbritannien jetzt zurück will, weiß ich nicht, aber es wäre gut für Europa."

"Wird es einen "Brexit light" geben, bei dem alles so bleibt wie es vorher war, nur ohne die Briten in der Gemeinschaft?"

"Nein, dies ist unmöglich, weil es andere Staaten dazu auffordern würde sich in Zukunft auch nur noch die Rosinen rauszupicken und das wäre das Ende der europäischen Idee."

"Es gibt also nur den harten Bruch?"

"Ja, die Briten müssen mit allen Konsequenzen die Gemeinschaft verlassen, eine andere Möglichkeit gibt es nicht!"

"Wieviel Einfluss nimmt Deutschland an diesen Entscheidungen oder findet das alles nur in Brüssel statt?"

"Deutschland ist ein wichtiges Land in Europa, also haben wir auch Einfluss."

"Wäre es denkbar, den Brexit wieder rückgängig zu machen, wenn auf der Insel neu gewählt würde und sich die Bürger in einem neuen Votum gegen den Brexit entscheiden?"

"Das weiß ich nicht und es wäre auch reine Spekulation, doch wenn die Briten wieder dazu gehören würden, wäre das gut, aber alles haben zu wollen und dann EU-Bürger ausweisen zu wollen, wenn der Brexit vollzogen ist, geht gar nicht."

"Wie steht die SPD zu den ganzen Steueroasen in Europa? Das ist ja nicht gerade förderlich für den Gemeinschaftsgedanken."

"Die SPD hat nicht nur eine fabelhafte Steuerreform entwickelt, die von der CDU abgelehnt wurde, die Union ist auch vom Lobbyismus durchdrungen und der verhindert, dass das Kapital ordentlich besteuert wird. Dabei wollen und müssen wir Gerechtigkeit in unsere Gemeinschaft bringen. Man sehe sich nur mal den Fall "Paradise Papers" an"

"Sie halten es in diesem Fall also mit dem Zitat von Heiner Geißler (CDU, 1930-2017), der gesagt hat, "Es gibt Geld wie Dreck auf der Erde, es haben nur die falschen Leute."

"Ja, es ist nicht einzusehen, warum es keine stärkere Erbschaftssteuer für gut Vermögende in Deutschland geben sollte. Wir nehmen ja keinem Unternehmen Kapital weg, damit es dann Pleite geht, sondern wir denken da an Privatvermögen. Wenn jemand neun Milliarden Euro erbt und dafür so gut wie keine Lebensleistung erbracht hat, warum sollte darauf keine Erbschaftssteuer erhoben werden? Sehen Sie sich die Familie Quandt an. Da will niemand BMW schaden, aber es ist ungerecht dort keine Steuern zu erheben. Wir wollten den deutschen Mittelstand entlasten, als Jobmotor für unser Land, doch alle Steuererhöhungen oder Einführungen waren mit der CDU nicht zu machen. Da hatten wir keine Chance, unsere Ideen umzusetzen"

"Sie als für Verkehr zuständiger stellvertretender Vorsitzender der SPD wissen sicher um die vielen nötigen Investitionen in unsere Infrastruktur, trotzdem ist die schwarze Null im Bundeshaushalt gesetzt. Warum wird nicht mehr investiert, gerade in einer Zeit, da Geld so billig ist wie nie?"

"Es wurde ja mehr investiert als jemals zuvor.“

"Geht es darum, das Kapital zu schützen, weil dort im Moment fast keine Zinsen bezahlt werden müssen und sich deshalb Staatskredite für die Kapitalgeber nicht lohnen?“

"Nein, die schwarze Null ist ein Fetisch der CDU und hat nichts mit Schutz des Kapitals vor höherer Besteuerung zu tun. Schulden zurückzuzahlen ist ja grundsätzlich auch eine wichtige und gute Sache."

"Das sieht sicher jeder so, aber wenn die Investitionen dauernd verschoben werden, wird es am Ende doch teurer, also völlig sinnlos jetzt den Haushalt bei Null zu halten oder nicht?"

"Wie gesagt, es ist ein Fetisch der CDU und davon werden die nicht abrücken, aber Sie haben Recht. Wenn ich mir den Bildungssektor ansehe, speziell auch die Berufsschulen, ist deren Ausstattung dürftig und veraltet, also wenig zukunftsweisend. Da müsste eine Menge getan werden, ebenso wie bei Schulgebäuden. Oder zum Beispiel Investitionen in das duale Ausbildungssystem. Das ist hervorragend im Vergleich zur restlichen Welt, muss aber trotzdem attraktiver werden. Jeder möchte seine Kinder nur noch studieren lassen. Ein Meister in einem Handwerksberuf sollte gleichgesetzt werden mit einem Master von der Universität, aber den Menschen fehlt das Vertrauen in die Zukunft dieser Berufe. Studieren ist kein Allheilmittel, auch wenn es dringend notwendig ist, die Chancengleichheit zwischen Akademikerkindern und sozial schwächeren Familien wieder herzustellen."

"So, wie es schon einmal in den siebziger Jahren war?"

Ja, genau so, doch diese Situation betrifft auch den Pflegesektor und die Altersarmut. Da müsste dringend in Ausbildung investiert werden und in vernünftige Löhne, damit das Alter nicht automatisch zu Würdelosigkeit führt."

"Dafür ist der Mindestlohn aber immer noch zu niedrig oder geben Sie dem Gutachten der Wirtschaftsweisen Recht, die den Mindestlohn wieder abschaffen würden, um Anreize auch im Billiglohnsektor zu schaffen für mehr Arbeitsplätze?"

 Sören Bartol
"Das ist völliger Quatsch, was da empfohlen wird, denn es war eine große Leistung der SPD den Mindestlohn einzuführen, nur hat das kaum jemanden interessiert. Die Einen haben so viel Einkommen, dass denen das Thema egal ist und für die betroffenen Einkommensgruppen ist es immer noch zu wenig. So hatte dieses Gesetz nie den Stellenwert, den es verdient hätte, obwohl ich selber nie geglaubt habe, dass wir es mit der CDU durchsetzen können."

"Nehmen wir mal den beliebten Eckrentner, welcher 40 Jahre lang gearbeitet hat, obwohl solche Biografien heute eher selten sind und lassen diesen 10 Euro in der Stunde verdienen, dann ist er immer noch auf Hartz IV Niveau und muss zum Amt. Ist das nicht eine versteckte Subvention für Unternehmen, die ausschließlich auf billige Arbeitskräfte setzen?"

"Das kann man so sehen, aber wir müssen dahin kommen, dass die Menschen wieder so viel verdienen, dass es dieses Szenario in der Zukunft nicht geben wird und ebenfalls der Neidfaktor in Deutschland keine Rolle mehr spielt. Lieber heute als morgen und da sehe ich nur die SPD als treibende politische Kraft, denn die Linken wollen nur Opposition machen und reden gerne von Gerechtigkeit, aber ohne sich als Regierung zu beteiligen und die anderen Parteien haben da kein Interesse."

"Es gibt aber durchaus vernünftige Ansichten bei der Linken."

"Ja und mit einigen aus der Partei könnte die SPD sofort eine Koalition eingehen, nur eben nicht mit allen von der Linken."

"Haben Sie eigentlich Freunde in Berlin?"

"Natürlich habe ich das."

"Ich meine aus der Partei?"

"Ich weiß worauf Sie anspielen. Freund, Feind, Parteifreund. Das ist nur ein Klischee, aber bei Freundschaft muss man differenzieren." 

"Ich meine jemanden, der nicht hinterhältig ist und einen ins offene Messer laufen lässt, egal von welcher Partei."

"Die gibt es tatsächlich von jeder Partei, außer von der AfD. Ich würde keine Namen nennen wollen, aber natürlich geht man mit einigen lieber Essen als mit anderen oder trifft sich nach der Arbeit."

"Kommt es da auch mal zu Annäherungen der politischen Ansichten, als eine Art Diplomatie zwischen den Parteien, losgelöst vom Parlament?"

"Ja, auch, aber das ist alles viel normaler, als Außenstehende sich das vorstellen."

"Sie haben sich am Anfang des Gesprächs nicht selber als Neuanfang für die SPD ins Spiel gebracht. Warum nicht? Haben Sie keine Ziele?"

Bartol grinst breit.

"Natürlich habe ich die. Ich möchte erneut stellvertretender Fraktionsvorsitzender werden, weil ich den Job kann und er mir Spaß macht. Ich werde also alles dafür tun, obwohl es in der Opposition weniger Funktionen gibt und es automatisch mehr Bewerber für jede Position gibt."

"Können Sie in der Opposition nicht mehr so viel für Marburg tun wie zuvor?"

"Das hängt nicht unmittelbar zusammen, denn die Netzwerke bleiben bestehen. Man bekommt vielleicht nicht mehr immer eine direkte Anerkennung, denn man arbeitet mehr hinter den Kulissen, aber wichtig ist das Ergebnis für die Menschen, nicht wer daran beteiligt war. Wichtig ist in der Zukunft auch der Bereich Digitalisierung. Da müssen wir die Menschen drauf vorbereiten. Die FDP will das ohne echte Kontrollen und die Grünen interessiert es nicht, aber die SPD will die Menschen auf das neue Zeitalter vorbereiten, ob Automobilsektor oder Energieversorgung. Braunkohle ist veraltet, aber gerade im Osten ein wichtiger Arbeitgeber und noch nicht zu ersetzen. Da muss noch Geld in die Forschung fließen, um Stromspeicher zu entwickeln und die lebensnotwendige Stromtrasse von Nord nach Süd zu bauen, aber auch dort verhält sich die CSU unverantwortlich in meinen Augen. Gaskraftwerke wären zwar ebenfalls aus nicht regenerativen Brennstoffen, aber sehr viel sauberer als Braunkohle."

"Das Gas, welches aus Russland kommt und das fast zu zwei Dritteln?"  

Zurzeit schon, aber so, wie in 15 Jahren Fahrzeuge automatisch im Straßenverkehr gelenkt werden, so arbeiten wir jetzt bereits daran von ausländischen Energien unabhängig zu werden. Wenn wir nicht so viel Strom exportieren würden, könnte man die Kohlekraftwerke sogar abschalten, aber wir wollen einen Übergang zu neuen Technologien schaffen ohne ein Heer von Arbeitslosen auf der Straße stehen zu haben."

Eine letzte Frage, die mir persönlich wichtig ist und vielen Lesern. Was halten Sie von dem erfolgreichen Bemühen von Christian Schmidt (CSU, Bundesminister Ernährung und Landwirtschaft) beim Paris-Abkommen die deutsche Landwirtschaft von der Umweltbelastung aus dem Vertrag zu nehmen, gerade im Bezug auf Grundwasserverschmutzung, Massentierhaltung und freigegebene Notfall-Antibiotika durch das Robert Koch Institut?"

"Das ist eine Katastrophe und wir als SPD haben alles getan, um das Schlimmste zu verhindern, hatten aber keine Chance das zu verbieten, sondern nur abzuschwächen, weil auch da die CDU/CSU den Lobbyisten gefolgt ist. Ohne den Widerstand der SPD hätten die in Brüssel auch Glyphosat einfach durchgewunken. So konnten wir zumindest das verhindern, obwohl wir das Pflanzenschutzgift überhaupt nicht mehr haben wollten. Deshalb wollen wir nicht mehr als Juniorpartner in einer Koalition sein. Vielleicht halten mich einige für verrückt, aber ich hätte gerne die absolute Mehrheit im Bundestag, auch wenn das heutzutage nicht mehr realistisch ist, doch mit einem Ergebnis wie 1998 von 40,9 % wäre die SPD wieder eine starke Partei, die den Menschen helfen könnte. Kompromisse gehören zur Politik, aber wir würden sie mit einem solchen Ergebnis nicht mehr so schnelle wieder eingehen müssen, und damit die Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholen."

"Danke für das Gespräch."  

Gastkolumne Nikolaos Maltezos: Gesetz über die außerehelichen Beziehungen (Ae-Gesetz)

 Nikolaos Maltezos 
Gesetz über die außerehelichen Beziehungen (Ae-Gesetz)

§ 1 Begriffsbestimmungen
(1) Wer widerrechtlich im Sinne dieses Gesetzes in eine gemäß § 1353 BGB gültige Ehe eindringt, ist Ehestörer.
(2) Dies gilt nicht, wenn beide Ehegatten gleichzeitig außereheliche Beziehungen zum gleichen Ehestörer unterhalten und diese nicht bloß gelegentlich sind.
(3) Die außereheliche Beziehung darf nicht nur gelegentlich erfolgen. Gelegentlich ist eine Beziehung mit dem Ehestörer, wenn diese auf einen einmaligen Geschlechtsakt beruht. Unterhält ein Ehegatte mehrere gelegentliche Beziehungen mit dem gleichen Ehestörer, so darf der Zeitraum zwischen den jeweiligen Geschlechtsakten die Jahresfrist nicht unterschreiten. Die Anzahl der gelegentlichen Beziehungen ist auf drei pro Kalenderjahr und Ehegatte begrenzt.
(4) Außerehelich ist die Beziehung, wenn sie ohne Zustimmung und Kenntnis des jeweils anderen Ehegatten erfolgt. Die nachträgliche Bekanntmachung an den Ehepartner bleibt ausgeschlossen.

§ 2 Umfang der Anzeigepflicht 
(1) Wer eine außereheliche Beziehung im Sinne dieses Gesetzes unterhält, ist zu dessen Anzeige gegenüber für die steuerliche Veranlagung der Ehegatten zuständigem Finanzamt verpflichtet.
(2) Die Anzeigepflicht entfällt im Falles des § 1 Abs. 2 dieses Gesetzes. Auf Verlangen haben die Ehegatten diejenigen Unterlagen an das für die steuerliche Veranlagung der Ehegatten zuständige Finanzamt herauszugeben, die die gleichzeitige Beziehung der Ehegatten zum Störer belegen. Die Dauer der Nachweispflicht auf Verlangen richtet sich nach den einschlägigen Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches über die Verjährung. 
(3) Die Anzeigepflicht des ehebrüchigen Ehegatten entfällt, wenn der Ehegatte nicht ohne schuldhaftes Zögern die Scheidung beantragt (sog. Ehekarenzzeit)

§ 3 Folgen der außerehelichen Beziehung
(1) Unterhält ein Ehegatte eine nicht nur gelegentliche außereheliche Beziehung, so ist er bei Einreichung der Steuererklärung für das Jahr, in dem die außereheliche unterhielt, verpflichtet anzuzeigen.
(2) Durch die Anzeige entfällt die steuerliche Privilegierung für die Dauer der außerehelichen Beziehung. Beide Ehegatten werden so gestellt, als wäre die Ehe nicht geschlossen. 

§ 4 Unterlassen der Anzeige 
Versäumt der ehebrüchige Ehegatte die Anzeige, so begeht eine Steuerhinterziehung, die nach den einschlägigen Bestimmungen de Steuerstrafrechts geahndet wird. 

§ 5 Heilung der unterlassenen Anzeige
(1) Die Anzeige kann, wenn ein Steuerbescheid durch die zuständige Finanzbehörde bereits erlassen worden ist, nur innerhalb der gesetzlichen Widerspruchsfrist nachgeholt werden, wenn und soweit diese freiwillig erfolgt. Hierbei kommt es nicht an, dass der Steuerbescheid einem Änderungsvorbehalt unterliegt. 
(2) Für den Fall, dass die Ehegatten getrennt veranlagt werden, kann sich der ehebrüchige Ehegatte nicht darauf berufen, dass der ehetreue Ehegatte, die außereheliche Beziehung in seiner Steuererklärung angezeigt hat. 

§ 6 Nachehe 
(1) Wird die Ehe zeitnah und ohne schuldhaftes Zögern des ehetreuen Ehegatten geschieden, so kann der Ehestörer binnen Drei-Monats-Frist die umgehende Verehelichung mit dem eheuntreuen Ehegatten verlangen (echte erste Nachehe). Der ehebrüchige Ehegatte ist zur Eingehung der Ehe dann verpflichtet. 
(2) Unterhält ehebrüchige Ehegatte mehr als drei gelegentliche außereheliche Beziehungen, so kann jeder der Ehestörer die Verehelichung mit sich verlangen. Für den Fall, dass mehrere Ehestörer eine Verehelichung verlangen, kommt es auf den Zugang der Mitteilung beim ehebrüchigen Ehegatte an. Ein Anwartschaftsrecht auf die echte erste Nachehe ist ausgeschlossen. 
(3) Erklären sich der ehetreue Ehegatte und der Ehestörer bereit, so kann dieser in die ursprüngliche Ehe eintreten, ohne dass es einer erneuten Eheschließung bedarf. Der Ehestörer darf bis zu diesem Zeitpunkt nicht wegen eines Steuerstrafvergehens wirksam verurteilt worden sein. Dabei kommt es nicht darauf an, dass die Steuerstraftat nach den allgemeinen Vorschriften verjährt ist (sog. unechte Nachehe). 
(4) Wenn und soweit keine Nachehe geschlossen wird, kann der ehetreue Ehegatte vom in die Ehe eingedrungenen Störer Ersatz derjenigen Aufwendungen bekommen nach den Regeln der ungerechtfertigten Bereicherung. Dies gilt auch in den Fällen, in denen das eheliche Auseinanderleben widerleglich vermutet wird gegenüber dem eheuntreuen Ehegatten. 
(5) Der Ehestörer kann sich nicht auf den Fall des § 10 Abs. 3 berufen. 

§ 7 Mehrere Störer 
Existieren mehrere Störer, so gilt die zeitliche Abfolge, mit der sich der ehebrüchige Gatte auf sie eingelassen hat. 

§ 8 Eheliches Auseinanderleben 
(1) Ehebruch und eheliches Auseinanderleben schließen sich nicht aus. 
(2) Den Folgen des ehelichen Auseinanderlebens sind denen des Ehebruchs gleichgestellt. 
(3) Eheähnliche Beziehungen, soweit sie keine steuerliche Privilegierung genießen, fallen nicht in den Anwendungsbereich dieses Gesetzes 

§ 9 Grundlage 

(1) Das Bundesministerium für Finanzen wird ermächtigt einen Index über die Häufigkeit des geschlechtlichen Verkehrs unter Berücksichtigung des Altersunterschiedes der Ehepartner und Dauer der Ehe zu führen (sog. G-VIX). Der Index ist in regelmäßigen Abständen auf seine Gültigkeit zu überprüfen. Die Ergebnisse sind im Bundesanzeiger zu veröffentlichen. 
(2) Unterschreitet der zwischen den Ehepartnern festgestellte G-VIX (sog. spezifischer G-VIX) der den durch die Erhebungen des Bundesministeriums der Finanzen festgestellten G-VIX (sog. allgemeiner G-VIX) um 50%, so wird das eheliche Auseinanderleben widerleglich vermutet. Es bleibt dem Ehepaar unbenommen durch geeignete technische Hilfsmittel den Gegenbeweis zu führen. Beträgt der Unterschied zwischen beiden Werten 75% und mehr wird das eheliche Auseinanderleben unwiderleglich vermutet. 
(3) Unwiderleglich wird das eheliche Auseinanderleben ebenfalls vermutet, wenn zwischen den Ehegatten eine dauernde räumliche Trennung besteht. 
(4) Das Nähere regelt eine Rechtsverordnung. 

§10 Schadensersatz 
(1) Der ehebrüchige Ehegatte haftet gesamtschuldnerisch mit dem Ehestörer für den entstandenen Schaden gegenüber dem zuständigen Finanzamt. Existieren über der Veranlagungszeitraum mehrere Ehestörer, so haften diese ebenfalls mit dem ehebrüchigen Ehegatten gesamtschuldnerisch. 
(2) Ist der Ehestörer ebenfalls verheiratet, so haftet neben dem Ehestörer dessen Ehegatte gesamtschuldnerisch für die jeweilige Schuld des anderen.
(3) Im Falle des ehelichen Auseinanderlebens, heben sich die gegenseitigen Ansprüche der Ehepartner auf. 

§11 Inkrafttreten 

Dieses Gesetz tritt am Tag nach seiner Verkündung in Kraft.

Nikolaos Maltezos 

Gastkolumne Thomas Stiegler- Der Gedächtnispalast

 Thomas Stiegler
In unserer heutigen Zeit ist es schwer, sich mit Literatur zu beschäftigen. Abgelenkt durch eine Fülle an Reizen schaffen wir es kaum noch, zur Ruhe zu kommen und zu lesen. 

Aber ich habe gemerkt, dass in meinem Leben etwas verlorengegangen ist. Dass durch die Beschäftigung mit den modernen Medien ein wichtiger Teil von mir verstummt ist.


Deshalb habe ich mich vor einiger Zeit bewusst dazu entschlossen, mich wieder mit guten Büchern zu beschäftigen. 

Wobei ich vor allem den Gedanken liebe, wieder zu einem Leser zu werden. Mich mit Worten zu beschäftigen, die mich berühren. Die Träume aufbauen, von Gefühlen erzählen und dabei an mein Innerstes rühren.

Aber es ist so unglaublich schwer, denn die Vorstellung davon ist schöner als das Lesen selbst.

Der Gedanke an dunkle Herbsttage. Ich sitze in einem einsamen Zimmer, der Nebel steigt aus den Tälern und die ganze Welt schweigt. Ein alter Stuhl, vor mir eine Kanne Tee und überall sind Bücher. An den Wänden, in den Regalen, sogar am Boden liegen sie in umgefallenen Stapeln. Und ich lehne mich zurück und lese.

Doch obwohl das Lesen so schwer ist, merke ich, wie es mich wieder gefangen nimmt. Wie es meine Gedanken beansprucht und versucht, mir in die Seele zu greifen.

Ich bekomme Sehnsucht, den nächsten Schritt zu tun. Wieder ein Mensch zu werden, der abseits steht. Abseits des alltäglichen Hamsterrades, abseits von Nachrichten, Verwertbarkeit und der Jagd nach Erfolg und Unterhaltung.


Vielleicht sind auch hier ein paar Menschen, die Interesse daran haben, sich wieder intensiv mit Literatur zu beschäftigen und ihren Geist an ihr zu messen.

Und dazu würde ich euch gerne ein Spiel vorstellen, an das ich mich beim Sinnieren über ein paar Bücher erinnert habe. Für mich war es einmal mehr als das, aber um es zu erklären, muss ich ein wenig ausholen. Und anschließend möchte ich euch einladen, es auch einmal zu versuchen.

Kennt ihr den "Steppenwolf" von Hermann Hesse? Erinnert ihr euch an den Schluss der Erzählung, als der Protagonist im magischen Theater stand und sich zwischen den vielen Türen entscheiden musste?

Eine jede war ein Symbol für eine andere Geschichte. Begebenheiten aus seiner Jugend, Erlebnisse, die er sich wünschte, Möglichkeiten, die er hatte und nie ergriff. Und alle konnte er in der "Phantasie" erschaffen und noch einmal erleben.

Das, was H. Hesse hier beschrieb, praktizierten Gelehrte schon vor Jahrhunderten. Und es deckt sich mit dem, was Gehirnforscher heute in ihren Untersuchungen zeigen.

Für den menschlichen Geist sind Fantasien ebenso real wie wirkliche Erlebnisse. Wenn wir die Augen schließen und uns gedanklich in eine Situation begeben, sie intensiv mit allen Sinnen "durchleben", dann macht das für unser Gehirn und unseren Körper kaum einen Unterschied zur Realität.

Es gibt genügend Beispiele für diese Effekte und auch im Sport und in verschiedenen Therapieformen werden sie heute ausgiebig genutzt.

Wieso ich das alles erzähle? Nun, weil man diese Art des "magischen Theaters" auch benutzen kann, um mit den Werken unserer Kultur zu "spielen". Man kann es dazu verwenden, in die Kunstwerke einzutauchen und sie intensiv nachzuerleben.


Einen zweiten Versuch dieser Art beschrieb Hermann Hesse Jahre später im "Glasperlenspiel". Die Ordensmitglieder der "pädagogischen Provinz" Kastalien versuchen, die Werke unserer Kultur zu bewahren

Das hauptsächliche Werkzeug dafür ist das Glasperlenspiel, eine geistige Verbindung von Literatur, Musik und allen Arten von Wissenschaften, an die man sich mit Hilfe von Zeichen erinnert. Die man in sich auferstehen lässt, miteinander in Beziehung setzt und im Lauf des Spiels in sich „durchlebt“

Dieser Gedanke Hesses ist seit Jahrzehnten befruchtend für Menschen auf der ganzen Welt.


Bevor ich zu dem System komme, das ich für mich erfand, lasst uns noch einen kleinen Umweg beschreiten.

Vor langer Zeit wurde eine Methode erfunden, mit der man sich an verschiedene Dinge erinnern kann. Nicht nur an so einfache wie bestimmte Begriffe oder Jahreszahlen, sondern an alles in seinem Leben, das man bewahren will.

Die Technik nennt sich Gedächtnispalast und ist wahrscheinlich vielen dem Namen nach bekannt. Dabei wird in der Phantasie ein Palast erbaut, den man mit den Dingen füllt, die einem etwas bedeuten. In den Regalen, auf Statuen oder auf den Tischen liegen die Bücher oder einfach nur Notizen, an die man sich erinnern will.

Wenn man eine Erinnerung sucht, dann begibt man sich in seiner Vorstellung in den Palast, geht an den Ort, an dem man sie abgelegt hat und holt sie wieder hervor.


Und jetzt will ich endlich zu dem kommen, was ich früher für mich erfand. Eine Methode, um mich in andere Seinszustände zu versetzen, in andere Gedanken und Gefühle einzutauchen. Denn damit würde ich gerne wieder beginnen, und vielleicht habt ihr auch Interesse daran.

Und am besten starten wir mit H. Hesse. Stellt euch ein Zimmer vor und richtet es ein. Hängt ein paar Bilder an die Wand, vielleicht den „Regenmacher“ oder eines in dem Hesse Erde brennt. Verteilt Gegenstände, die ihr mit ihm verbindet und vor allem die Bücher, die ihr von ihm gelesen habt.

Jetzt nehmt euch etwas ungestörte Zeit, schließt die Augen und betretet das Zimmer.

Stellt euch vor, wie ihr hineingeht, die Bilder anseht, die Brise riecht, die durch das Fenster streicht und die Gardinen bauscht. Versucht zu fühlen, in euch hinein zu lauschen und alles aufzunehmen. Den Geruch, die Farben und die Emotionen, die sie in euch auslösen. Und dann nehmt eines seiner Bücher zur Hand. Versucht, euch nicht nur an die Geschichte zu erinnern, sondern sie nachzuerleben und eure Gefühle wieder auferstehen zu lassen.

Lasst ein Bild erstehen und seid mit allen Sinnen dabei. Probiert, euren Geist aufzuspalten. Seid in dem Zimmer, seid Leser des Buches und gleichzeitig eine Figur aus dem Buch. Erlebt die Erzählung. Versucht, für ein paar Minuten, in dem Raum und in dem Buch zu sein und in ihnen zu leben.


Ist das nicht wunderschön? Es ist vielleicht seltsam. Es klingt vielleicht albern oder gar lächerlich.

Aber, ist es nicht wunderschön?

Und das könnt ihr mit allem machen, was euch wichtig ist.

Ein Zimmer für Schubert, für Monet oder Rodin. Denn von Mal zu Mal wird es euch leichter fallen und ihr werdet mehr Genuss und Gewinn aus den Kunstwerken ziehen, als ihr euch heute vorstellen könnt. 

Gastkolumne Nikolas Maltezos: Über den indischen Straßenverkehr- Spezielle Eindrücke während meiner Indienreise im Oktober und November 2017

 Nikolas Maltezos 
Gespannt war ich auf den indischen Straßenverkehr und ich sollte nicht enttäuscht werden. Schnell reifte in mir die Erkenntnis, dass die ersten Chaostheorien durch Beobachtung dessen abgelichtet worden waren. Fahrbahnmarkierungen sind hier eher Empfehlung, die beim Aufkommen erhöhten Verkehrs, ihre Verbindlichkeit verlieren. So wird aus einer originär zweispurigen Straße bei entsprechenden Aufkommen schnell mal eine fünfspurige. So etwas wie Linksfahrgebot gibt es nicht. Überholen, Einfädeln, Abbiegen findet nach eigenem Gusto und nicht nach den Maßstab einer, wie auch immer gearteten, Straßenverkehrsordnung statt. 

Der Verkehr trägt soziadarwinistische Züge. Derjenige, der mit dem schnelleren Auto, potenteren Fahrer und der entsprechenden Kaltschnäuzigkeit ausgestattet ist, bewegt sich hier rascher und kann mitunter pro 100km eine Zeitersparnis von bis zu 30 Sekunden heraus schlagen. Das ist enorm. Für das ungeübte europäische Auge mutet der Verkehr unkoordiniert und willkürlich an. Ist er aber nicht. Selbst das Chaos kann ohne eine gewisse Ordnung nicht existieren. Zwischen den am Verkehr beteiligten gibt es ein ausgeprägtes und ausgeklügeltes Kommunikationssystem. 

Rechtmäßiges Überholen über links wird mit kurzem ca. eine Sekunde andauerndem Hupen angedeutet. Unrechtmäßiges Überholen über rechts mindestens doppelt so langes Hupen, je nach Eile des Fahrers bis zum Abschluss des Überholvorgangs. Durchzwängen zwischen zwei Autos muss mit zweimal drei Sekunden andauernden Hupen angekündigt werden. Hinzu kommt ein kurzer Hornstoß beim Passieren. Obligatorisch ist das Hupen auch zum Anzeigen des Abbiegevorgangs. Hierbei spielt es keine Rolle, ob man sich mutterseelenallein allein auf der Straße befindet. Vorfahrtsregeln sind gänzlich unbekannt. Weshalb böse Zungen behaupten, man könne in diesem Verkehr als Absolvent einer europäischen Fahrschule nicht zurechtkommen, ist mir noch immer schleierhaft

Verwunderlich (was schnell verfliegt) am indischen Straßenverkehr ist ebenfalls, dass an roten Ampeln nicht gehalten wird. Fahren in Gegenrichtung ist ebenfalls möglich. Zumindest auf Landstraßen und soweit man dies auf den Seitenstreifen beschränkt. Dieses Verhalten wurde auf Mautstraßen bzw Autobahnen nicht gesichtet. 

Inder sind sehr wohl fähig Fahrbahnmarkierungen zu beachten, soweit die Verkehrsdichte eine Anhäufung von sechs bis sieben Autos pro Kilometer nicht überschreitet. Insofern muss ich meine Meinung über den grundsätzlichen Drang, sich nicht an Regeln zu halten, revidieren. Es könnte aber auch sein, dass die hiesige Tourismusbehörde einige Komparsen auf die Autobahn geschickt hat.Die Nachforschungen diesbezüglich dauern noch an. Auffällig ist auch, dass die Gurtpflicht ernst genommen wird. Nicht angegurtete Fahrer sind sind sehr selten zu sehen. Richtungswechsel werden überwiegend gewissenhaft angezeigt. Ein kleiner Nachtrag zum Hupen. Neben seinem verkehrstechnischen Funktion scheint das Hupen auch eine psychologische Komponente zu haben. So in etwa nach dem Motto: "Hoppla, jetzt komm ich!"(Hans Albers) oder besser in meinen Augen "Ich bin Ich. Ich bin jetzt. Das allein ist meine Welt" (Rosenstolz). 

Daneben hat es natürlich auch eine Alibifunktion. Im Falle eines Zusammenstoßes, kann man sich noch immer damit herausreden, man hätte ja gehupt und so die Verantwortung auf den Unfallgegner abgewälzt, denn dieser habe die durch entsprechendes Hupen angezeigte Situation missachtet und so den Unfall provoziert. Ein ebenfalls kleiner Nachtrag zur Verkehrsdichte. Dass man sich bei einem solch hohem Verkehrsaufkommen, so als hätte sich ganz Delhi just in dem Moment entschieden auf die Straße zu gehen, so man selbst sich dazu aufgerafft hat, die Verkehrsdichte gefühlt ca eine Million Autos pro qm beträgt und einer Melange der Viskositätsklasse 5 entspricht, unwohl fühlt, liegt wohl eher an der eigenen Psychologie, die ich in nunmehr über vierzigjährigem Leben in Deutschland angeeignet habe. 

Deutsche Autofahrer achten peinlichst genau auf gebührenden Abstand. Statistiken zur Folge verlieren Deutsche lieber einen entfernten Verwandten, als dass ihr Auto einen Totalschaden erleidet. Wird der Sicherheitsabstand unterschritten oder kommt es gar (wenn auch nur leichten) Berührung, so kann die probate Antwort hierauf nur der Einsatz des SEK lieber noch der GSG9 sein, um den Drängler in seine Schranken zu weisen. Solches Verhalten ist am liebsten mit lebenslanger Freiheitsstrafe zu bestrafen, lieber noch die Todesstrafe einzuführen. Ebenso beim Parken. Deutsche würden am liebsten einen Minengürtel ums eigene Auto ziehen. Der gemeine Inder hat solche Berührungsängste nicht. Die Verkehrsdichte ist dermaßen hoch, dass die Toleranzschwelle hierzu doppelt exponentiell verringert hat. Das Auto ist und bleibt ein Fortbewegungsmittel. Aber erklärt das mal in Deutschland. Dass Auffahrten als Ausfahrten und umgekehrt genutzt werden, sei hier an Rande erwähnt und kann angesichts der bisherigen Ausführungen nicht wirklich verwundern.

Nikolas Maltezos: